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27.06.17

Autoren-Interview

Sabine Rückert „Reportagen sind Gedankenmusik

"Ich glaube, dass man Schreiben letztlich nicht lehren kann", sagt Sabine Rückert. "Willst du es lernen, musst du dich fortentwickeln, was das Verstehen der Welt angeht. Du musst ergriffen sein von der Realität. Du musst die Menschen lieben. Das kann man nicht lehren. Da kann ich noch so viele Einstiege schreiben, das nützt nichts. Du musst die Menschen lieben und versuchen, sie zu verstehen. Das ist in meinen Augen das große Defizit vieler Reportagen: Dass die Autoren sich nicht wirklich für ihr Gegenüber interessieren. Es liest sich, als sei jemand mit der Taucherbrille durch die Landschaft gelatscht."

Und noch ein zweites Interview finden Sie in der rechten Spalte: Tim Sparenberg hat es geführt für die wissenschaftliche Zeitschrift "Non Fiktion. Arsenal der anderen Gattungen". Sabine Rückert erzählt darin, wie ihr Buch "Unrecht im Namen des Volkes. Ein Justizirrtum und seine Folgen" entstanden ist -  wie sie den haarsträubenden Fall Amelie minutiös rekonstruiert hat. Ein Fall, bei dem ein 18-jähriges Mädchen ihren Vater und ihren Onkel bezichtigte, sie seit ihrem zwölften Lebensjahr vergewaltigt zu haben.

Zu Unrecht.

Und schließlich, ebenfalls zum Download: eine Rede von Sabine Rückert über den "Gerichtsreporter, oder: Vom Problem, zu verstehen, was man sieht und hört".

RF: Liebe Frau Rückert, Ihre Reportage beginnt so: „Eine Frau, die ihren Ehemann für immer loswerden will, sollte ihn nicht töten. Er wird sich in ihre Träume stehlen, er wird ihre Gedanken fesseln, er wird ihr Gewissen in Geiselhaft nehmen. Er wird ihr keine Ruhe gönnen, obwohl sie sich nach Ruhe so sehr gesehnt hat. Er wird bei ihr bleiben, bis der Tod seiner Mörderin beide endlich scheidet. Deshalb ist Valerie niemals so sehr verheiratet gewesen wie heute, da sie Witwe auf eigenen Wunsch ist.“

Das der Anfang von „Die Mörderin“, jenem Text, für den Sie 2001 Ihren ersten Egon Erwin Kisch-Preis bekamen. Beschrieben haben Sie Valerie Lücke, die von ihrem Mann so entsetzlich misshandelt wurde, dass sie es irgendwann nicht mehr aushielt und den Kerl von „gedungenen Mördern“ umbringen ließ. Ein berührender Text, ein parteilicher Text. Und alle Emotion steckt schon im ersten Absatz. Dieses stakkatohafte „Er… Er… Er“. Warum diese Überhöhung?

Rückert: Ich beginne meine Reportagen fast nie mit einer Beschreibung oder einem szenischen Einstieg. Ich finde es erstmal unwichtig, ob jemand dick oder dünn ist oder blaue Haare hat. Ich fange fast immer mit grundsätzlichen Erwägungen an. Eine Reportage muss mehr sein als ein Bericht. Sie muss über die Realität hinausweisen. Sie muss eine metaphysische Ebene haben, eine moralische Ebene, eine gedankliche Ebene, sie muss mich zu Erkenntnissen führen, die mit der Beschreibung dessen, was da passiert, nichts mehr unbedingt viel zu tun haben sondern diese nur noch zum Anlass nehmen, davon inspiriert sind. Kurz: Reportagen sind Gedankenmusik. Variationen des Themas Leben.

RF: Unerlässlich sind also reflektierende Passagen wie diese hier: „Es ist die Hoffnung, die den Menschen fertig macht, und je hoffnungsloser seine Lage, desto ekstatischer hofft er. Hofft, dass eines Tages Unglück nicht immer nur Unglück gebiert, dass nicht immer der Schwarze Peter kommt, wenn das Leben die Karten hinhält. Hofft, dass sich Glück herbeizwingen lässt, wenn man nur alles, alles dafür einsetzt, alles, alles dafür aushält.“

Rückert: Genau. Das ist der Unterscheid zwischen einer Kamera und einem Journalisten: Eine Kamera beobachtet, beschreibt, zeichnet auf. Der Journalist muss reflektieren, sich in die Figuren hineinversetzen, manchmal für sie sprechen. Und er braucht eine Haltung. Reportagen ohne eigene Gedanken interessieren mich nicht. Wenn ich die Zeitung lese, interessieren mich immer weniger die Themen und immer mehr die Autoren. Ich weiß: Bei dem oder der erwarten mich Gedankenreichtum, originelle Ansätze und Zugänge. Während ich bei anderen weiß: Da erschöpft es sich in Beschreibungen. Da blättern wir mal lieber weiter.

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Sabine Rückert


geboren 1961, Studium der Kommunikationswissenschaft, Theologie, Markt- und Werbepsychologie. Ausbildung an der Springer-Journalistenschule. Anschließend Nachrichten-Redakteurin bei der taz, seit 1992 Redakteurin bei der Zeit, zunächst im Dossier. Seit 2001 arbeitet sie als ressortunabhängige Gerichts- und Kriminalreporterin. Für ihre Reportagen und Porträts erhielt sie mehrere Journalistenpreise.
Dokumente
Interview mit Sabine Rückert (pdf)
Sabine Rückert: Die Mörderin (pdf)
Sabine Rückert: Lebensversickerungsanstalt (pdf)
Gerichtsreporterin - Rede von Sabine Rückert (pdf)
Interview für "Non Fiktion" (pdf)

erschienen in:
Reporter-Forum,
am 01.08.2009

Noch ein pdf:
Wie das Böse nach Tessin kam
Sabine Rückerts mit dem Egon Erwin Kisch-Preis 2008 ausgezeichnete Reportage

 

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