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Wie man's macht

Jana Simon „"Wir haben euch alle sehr lieb. Moni und Micha"

Über diese Reportage hat Jana Simon auf dem Reporter-Workshop 2008 gesprochen.

Ein Ehepaar begeht Selbstmord. Die beiden hinterlassen einen Abschiedsbrief mit dem Satz: »Die neuen Reformen treffen uns schwer.« Wurden sie Opfer von Hartz IV?

Timo Müller ist einer der Letzten, die Michael Stahl noch lebend sehen. Es ist Donnerstag, der 27. Januar 2005. Müller steht vor seinem Haus in der Calvinstraße 13, Berlin-Moabit. Er tastet nach seinem Autoschlüssel, kann ihn nicht finden, blickt sich um: Sein Nachbar Michael Stahl liegt im Schnee unter dem Auto. Müller fragt ihn, was er in der Kälte mache. »Es ist etwas mit dem Auspuff«, sagt Stahl. Ein kurzes Gespräch, Stahl erzählt, er habe wieder Arbeit gefunden, auf Teneriffa. Seine Frau Monika und er würden in den nächsten Tagen aufbrechen, er müsse nur noch den Wagen in Ordnung bringen. Timo Müller wundert sich kurz, so eine weite Reise mit dem Auto, das ist nicht Stahls Art, viel zu teuer. Müller löscht diesen Gedanken sogleich und konzentriert sich auf die Schlüsselsuche, Stahl schiebt sich wieder unter seinen silberfarbenen Opel Astra. Vier Tage später sind Michael und Monika Stahl tot. Vergiftet durch die Abgase ihres Autos. Sie wird 42, er 39 Jahre alt. Ein Ehepaar findet sie in einem Waldstück in Zerpenschleuse bei Berlin, kurz nach elf Uhr am Morgen des 31. Januar.

Timo Müller erfährt erst Wochen später vom Selbstmord seiner Nachbarn, aus einem Zeitungsartikel, der im Hausflur hängt. »Lieber tot als arm«, steht dort in dicken Buchstaben, die Zeitung zitiert aus einem Abschiedsbrief. »Wir krebsen durchs Leben und spulen monoton einen Tag nach dem anderen ab«, haben beide geschrieben. Und dann noch die Sozialreformen. Monika und Michael Stahl, die ersten Opfer von Hartz IV? Das Gesetz ist da gerade einen Monat alt.

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Jana Simon


Jana Simon wurde 1972 in Potsdam geboren und wuchs in Ostberlin auf. Sie studierte Osteuropawissenschaften, Politologe und Publizistik in Berlin und London. Von 1998 bis 2004 war sie Reporterin beim „Tagesspiegel“ in Berlin. Für ihre Reportagen erhielt sie den Alexander-Rhomberg-, den Axel-Springer-Preis und den Theodor-Wolff-Preis und 2008 den Transatlantischen Journalistenpreis. 2002 erschien ihr Buch „Denn wir sind anders. Die Geschichte des Felix S.“ bei Rowohlt/Berlin und 2004 der Reportageband „Alltägliche Abgründe“. Seit 2004 ist Jana Simon Autorin bei der „Zeit“ in Berlin.
Dokumente
"Wir haben euch alle sehr lieb. Moni und Micha"

erschienen in:
Die ZEIT,
am 01.01.1970

 

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