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Wie man's macht

Jana Simon „Heimweh für immer

Über diese Reportage hat Jana Simon auf dem Reporter-Workshop 2008 gesprochen.

Vor mehr als hundert Jahren wanderten die Schütts nach Bolivien aus. Der Großvater machte gute Geschäfte, ein Sohn kämpfte mit Che Guevara. Doch bis heute kommt die Familie von Deutschland nicht los.

Das große Reisen der Familie Schütt, das mehr als ein Jahrhundert währen sollte, begann mit drei Streichhölzern. Großvater Nicolas Jürgen Schütt hatte eine Zeitungsanzeige gelesen und sprach im Büro der Hamburger Handelsfirma Morales und Bertram vor. Drei Bewerber gab es: alle jung, männlich und ledig. Einer von ihnen sollte nach Südamerika, nach Bolivien. Nicolas Jürgen Schütt zog das kurze Streichholz. So gelangte er 1895 aus Wilster in Schleswig-Holstein nach Potosí, 4000 Meter hoch, die Luft zum Atmen knapp, dafür war die Stadt mit dem Reichtum von Silber- und Zinnminen gesegnet. Und Nicolas Jürgen Schütt blieb, heiratete eine Bolivianerin, gründete ein paar Jahre später sein eigenes Handelshaus, nannte es „Casa Schütt“ und brachte vom Champagner bis zum Automobil vor allem Luxuswaren aus Europa in die Berge. Der Großvater wurde reich, sehr reich.

Ein Streichholz, ein kurzer Augenblick, prägte sein Leben und das der folgenden drei Generationen. Ohne den Großvater hätte die Familie Deutschland nicht verlassen, ohne ihn hätte sie ihren Wohlstand nicht erreicht. Bis zum Tod behielt er die deutsche Staatsbürgerschaft, hinterließ sie seinen Nachkommen, seinem Sohn Nicolas jr., seinen Enkeln Jürgen, Willy und Klaus und den vielen anderen. Er hat ihnen so die Möglichkeit zur Rückkehr bewahrt, sie dadurch später manches Mal gerettet. Er machte sie zu Wanderern zwischen den Kontinenten.

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Jana Simon


Jana Simon wurde 1972 in Potsdam geboren und wuchs in Ostberlin auf. Sie studierte Osteuropawissenschaften, Politologe und Publizistik in Berlin und London. Von 1998 bis 2004 war sie Reporterin beim „Tagesspiegel“ in Berlin. Für ihre Reportagen erhielt sie den Alexander-Rhomberg-, den Axel-Springer-Preis und den Theodor-Wolff-Preis und 2008 den Transatlantischen Journalistenpreis. 2002 erschien ihr Buch „Denn wir sind anders. Die Geschichte des Felix S.“ bei Rowohlt/Berlin und 2004 der Reportageband „Alltägliche Abgründe“. Seit 2004 ist Jana Simon Autorin bei der „Zeit“ in Berlin.
Dokumente
Heimweh für immer

erschienen in:
Die ZEIT,
am 01.01.1970

 

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