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Prämierte Texte

Benjamin von Stuckrad-Barre „Wa!

Dieser Text war für den Henri-Nannen-Preis 2007 nominiert.

Wa!

"Der Himmel reißt auf – es wird, es wird, es wird!", feuert Ben Wettervogel draußen, vor dem ZDF-Frühstücksfernsehcafé Unter den Linden den Tag an; den Tag, die Sonne, die Stadt, die Menschen, das Land. Links und rechts von ihm braust der Hauptstadtverkehr, der Meteorologe steht auf dem sich mittig des Boulevards erstreckenden Trottoir und freut sich über diesen viel zu warmen Herbst, dann gibt er "zurück zu Patrizia" die im Café nun zwei Kaffeetassen verlost; zur halben und zur vollen Stunde gibt es Nachrichten.

Ein paar Hundert Meter weiter, am Brandenburger Tor, steigt Klaus Wowereit aus einem dunklen Dienstschlitten, knöpft sein Jackett zu und sagt "So!, na, dann woll'n wa mal." Was will er denn? Er will einen Staatsbesucher empfangen, den Präsidenten des Staates Benin. Aber der Gast ist noch nicht da. "Wie spät ha'm wa't denn?" will Wowereit wissen, stolz, dass er selbst pünktlich ist. Kurz vor neun ham wa't. Sofort ist man dabei, sofort ist man "wa" – wa, das heißt hier wir, und es heißt in Berlin auch, am Ende eines Satzes, ansteigend intoniert: Hab' ich recht oder hab' ich recht?

Klaus Wowereit, das muss man zwischendurch immer mal wieder festhalten, ist homosexuell und regiert die deutsche Hauptstadt gemeinsam mit den verpeilten Kommunisten der PDS. Nur mal so, als Hinter-, nein, Vordergrund. Falls Sie uns gerade im bergischen oder badischen oder sogar bayerischen Land lesen.

Knallblauer Himmel, es ist geworden, es ist geworden, es ist geworden. Die Herbstsonne güldet auf die Hauptstadtpracht, "schön, wa?", stellt Klaus Wowereit fest, und sogleich ha’m wa dieses Jefühl, dass sich in seiner Nähe stets einstellt: Überschuldung hin oder her, so schlecht ist Berlin nicht. Läuft doch allet. Und weil bzw. damit es läuft, rennt er, der Regierende Bürgermeister, durch die Stadt. Klaus Wowereit, denkt man, ist eher Psychologe als Politiker, und das sogenannte Hauptstadtparkett ist seine Couch. Gruppentherapie: Da kommt eine Touristengruppe, Wowereit dreht auf. Die Sicherheitsbeamtenaugen flackern lagecheckend, dieser Mann ist unbewachbar. Man muss aber ohnedies eher die Bürger vor ihm beschützen, er schüttelt jede Hand, sucht jedes erdenkliche Geplauder. Die Touristen haben einen Kreis um ihn herum gebildet und fragen sich, was sie ihn jetzt fragen sollen.

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Benjamin von Stuckrad-Barre


Benjamin von Stuckrad-Barre, geb. 1975 in Bremen; keine Preise, keine Stipendien. Buchveröffentlichungen u.a.: „Soloalbum“ (1998), Remix (1999), „Blackbox“ (2000), „Deutsches Theater“ (2001), „Festwertspeicher der Kontrollgesellschaft“ (2004), „Auch Deutsche unter den Opfern“ (2010). TV u.a.: „MTV Lesezirkel“ (2001), „Ich war hier“ (2004), „Stuckrad bei den Schweizern“ (2005). Hat als Co-Autor gemeinsam mit Helmut Dietl das Drehbuch für einen Kinofilm über Berlin geschrieben (Drehbeginn: Frühjahr 2011). Im Dezember 2010 startet seine neue, von Christian Ulmen produzierte Fernsehsendung auf ZDFneo. Schreibt aktuell für „Welt am Sonntag“, „B.Z“. und „Rolling Stone“. Lebt in Berlin.
Dokumente
Wa! (PDF)

erschienen in:
Tempo,
am 08.12.2006

 

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