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Prämierte Texte

Stefan Willeke „Der gute Müller

Dieser Text war für den Henri-Nannen-Preis 2006 nominiert.

Besser sei, hat Müller am Telefon gesagt, er komme mal schnell persönlich nach unten, dann könne nichts schief gehen. Den Herrn Müller von oben kennen die Aufpasser am Eingang, und wenn Müller einen fremden Besucher durch die Pforte schleust, muss der Besucher in Ordnung sein, weil ja auch Müller in Ordnung ist, ganz einfach. "Alles nicht mehr so einfach", sagt Ludwig Müller. Ein paar Mal haben sich Kunden vor der Arbeitsagentur Saarbrücken geprügelt, einer hat ein Messer aus seiner Manteltasche gezogen. Das war Anfang Januar. Es waren die Tage, an denen der Arbeitsvermittler Müller zu spüren begann, wie sich Hartz IV auswirkt. "Herr Müller", sagte später eine Kundin, "Werfen Sie eine Bombe in diesen Laden, und gehen Sie vorher raus!" Am Eingang des fünfstöckigen Gebäudes stehen nun immer Sicherheitsleute, die Besucher nach Waffen abtasten. Neulich hat ein durchgeknallter Arbeitsloser einen dieser Aufpasser zusammengeschlagen. Das Wort "Kunde" klingt seither noch absurder als früher.

» Kommen Sie «, sagt Müller, » Frau Doktor Horberg wartet bestimmt schon. « Er steigt ein paar Treppen hoch und läuft einen hellen Flur entlang. Ein kleinwüchsiger Mann von 55 Jahren, grauer Haarkranz, ovale Brillengläser, ein schweres braunes Tweedjacket. Er geht schnurgerade und mit eiligen Schritten, seine Schultern schwingen rhythmisch hin und her. Sieht man Müller von weitem, glaubt man, Norbert Blüm müsse einen jüngeren Bruder haben. Dieser Müller ist vielen bekannt und dennoch ein Rätsel. Er traut sich, sehr unmodern zu sein. Es scheint, als sei er sogar stolz darauf. Kollegen gaben ihm den Spitznamen » ABM-Müller «. Das hört sich spöttisch an, aber es war als Auszeichnung gemeint.

» Jetzt wollen wir mal «, sagt Müller und öffnet die Tür, » bitte, Frau Doktor Horberg, setzen Sie sich. « In seinem Dialekt klingt eine gedämpfte Melodie durch, Frankreich ist hier sehr nah, und die erdschweren deutschen Töne lockern sich durch die herübergewehte Leichtigkeit. Bei Müller hört sich das immer an, als könne das Leben niemals ein schlechtes Ende nehmen, wenn er nur erst gesagt hat: » Nun setzen Sie sich mal! «

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Stefan Willeke


Stefan Willeke hat Geschichte und Politik studiert. Seit 1996 arbeitet er bei der Wochenzeitung Die Zeit in Hamburg. Er hat zwei Mal den Kisch-Preis und einmal den Nannen-Preis gewonnen.
Dokumente
Der gute Müller (PDF)

erschienen in:
Die ZEIT,
am 25.05.2005

 

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