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27.06.17

Prämierte Texte

Regina Köhler „Die Weihnachtsgeschichte von einem Kind, das in der Zehlendorfer Babyklappe lag

Dieser Text wurde mit dem Theodor-Wolff-Preis 2009 (Kategorie Lokales) ausgezeichnet.

Die Nacht des 23. Dezember 2002 ist kalt und sternenklar. Peter friert in seiner viel zu dünnen Jacke. Er hat einfach die erstbeste gegriffen, die am Haken im Flur seiner Wohnung hing. Jetzt bibbert der 25-Jährige geradezu. Seine Zähne schlagen aufeinander, die Beine scheinen kurz davor, ihm den Dienst zu versagen. Doch es ist nicht die Kälte, die ihn derart mitnimmt. Es ist das winzige Bündel in seinen Armen, das möglichst schnell ins Warme muss. Das Bündel, ein großes Handtuch, in das ein nackter Säugling eingewickelt ist – sein Sohn.

Er darf jetzt nicht stolpern, nicht so sehr zittern, dass er womöglich die Beherrschung verliert. Er muss sich konzentrieren. Seine Frau ist einfach im Auto sitzen geblieben. Ohne ein Wort zu sagen. Stumm hat sie ihm angedeutet, dass er allein den Weg zur Babyklappe finden und das Neugeborene hineinlegen soll. Ganz weiß war seine Frau im Gesicht. Und so starr. So hilflos, wie er sie noch nie erlebt hatte.

Peter hat sich erst mal nach allen Seiten umgesehen und erleichtert festgestellt, dass die Argentinische Allee vor dem Zehlendorfer Krankenhaus Waldfriede offenbar menschenleer ist. Etwa 30 Meter sind es bis zum Eingang des Krankenhauses. Er sieht ein grünes Schild mit der Aufschrift „Babyklappe“. Ein Pfeil zeigt ihm an, wie er weiterlaufen soll. Ganz kurz kommt Panik in ihm hoch. Er hat Angst. Angst davor, dass er jemanden treffen könnte. Davor, dass das Kind zu weinen anfängt. Und auch, dass er plötzlich keine Kraft mehr hat. Sein Herz schlägt schnell – und so laut. Jeder, der jetzt an ihm vorbei ginge, würde es hören, denkt er. Sonst ist es absolut still in dieser Nacht vor Weihnachten. Nur das trockene Laub der Buchenhecke, die sich um einen Teil des Krankenhausgeländes zieht, raschelt leise. Und die Wipfel der Kiefern, von denen mehrere auf dem Gelände stehen, rauschen. Peter hat dafür kein Ohr.

Noch einmal diese langen 30 Meter, dann ist der schlanke junge Mann an einer kleinen Pforte angelangt. Sie ist offen. Noch ein grünes Schild. Zehn Treppenstufen führen auf einen Plattenweg hinab. Peter drückt seinen Sohn noch fester an sich. Dann geht es etwa 20 Meter an einer Hauswand entlang, bis plötzlich ein leuchtend grüner Kasten zu sehen ist. „Babyklappe“ steht darauf, sonst nichts. Peter atmet schwer. Er nimmt das Bündel in den linken Arm. Mit der rechten Hand öffnet er die Klappe. Das geht ganz einfach und ist völlig lautlos. Im Inneren des Kastens, der mit Schaumstoff ausgekleidet ist, liegt ein Schaffell, darauf noch eine weitere Decke. Durch einen kleinen Lüftungskanal kommt warme Raumluft aus dem Zimmer. Bevor er seinen Sohn dort hineinlegt, hält Peter ihn noch einmal kurz in beiden Händen. Scheu schaut er dem Kind in das schlafende Gesicht: Ein winziges Gesicht, so klein die Nase, so weich der Mund, so zart der blonde Haarflaum, der auf dem Köpfchen schimmert. Er hat Simones Ohren, schießt es ihm durch den Kopf. Zwei, vielleicht drei Minuten verharrt er so mit dem Baby. Dann reißt er sich los von diesem Anblick und schiebt das Kind in den schützenden Kasten. Schnell schließt er ihn wieder. Es ist so kalt und der Kleine so zerbrechlich. Peter handelt wie in Trance. Er blickt auf seine Hand und sieht einen weißen Umschlag. Der muss in der Klappe gelegen haben. Er kann sich gar nicht daran erinnern, dass er ihn herausgenommen hat. Später wird er ihn Simone geben, wortlos.

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Regina Köhler


Regina Köhler, geboren am 17.6.1956 in Wiesenhagen, studierte von 1975-1979 an der Berliner Humboldt-Universität Germanistik und Anglistik. Von 1981-1992 war sie freiberufliche Journalistin, tätig vor allem für die Tageszeitung „Neue Zeit“ im Bereich Kultur/Soziales.. 1992-1997 Pressesprecherin des Kinder- und Jugendtheaters „carrousel“. Seit 1998 zunächst freiberuflich für die „Berliner Morgenpost“ tätig, seit 2000 festangestellt in der Lokalredaktion, seit 2007 für den Bereich Bildung.
Dokumente
Die Weihnachtsgeschichte von einem Kind, das in der Zehlendorfer Babyklappe lag (PDF)

erschienen in:
Berliner Morgenpost,
am 24.12.2008

 

Kommentare

KelPietry, 25.06.2017, 06:48 Uhr:

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Ella, 25.04.2016, 11:32 Uhr:

Now that's sutble! Great to hear from you.

Franziska, 07.04.2014, 12:58 Uhr:

Liebe Frau Köhler,
ein sehr schöner Text und eine kluge Perspektive!
Aber ich habe dieses Kontaktfeld wegen Ihrer Reportagen zum Quereinstieg in den Lehrberuf. Meiner Information nach erhalten die Mutigen der Stunde 600 Euro Monatsgehalt für immerhin 19 Stunden Unterricht!!
Und das Arbeitsamt weigert sich, Quereinstiegsstudiengänge für Lehrberufe als zertifizierte Weiterbildungen zu akzeptieren.
Freundliche Grüße
Franziska Uhlig

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