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Prämierte Texte

Alexander Smoltczyk „Ein himmlischer Tropfen

Dieser Text wurde mit dem 2. Preis beim Egon-Erwin-Kisch-Preis 1994 ausgezeichnet.

Vater Apfelbaum war der Landpfarrer von Theil-Bocage. Ein Exorzist, geachtet und erfolgreich, rund wie ein Faß und stämmig wie der Kirchturm von Lassy. Wenn er Prozessionen durch die Heckenwege führte, Vieh, Korn und Apfelgärten segnend, dann kamen die Bäuerinnen zu Hunderten aus der Region. Sie brachten Säcke mit Meersalz, ließen es vom „Père Pommier" weihen und streuten es über die Schwelle von Haus und Stallung, als Schutz vor bösem Geschick. Und es half.

Vater Apfelbaum, Sohn eines Schweinehändlers, half immer. Auch als der Bischof ihn längst mit Bann belegt hatte, liebten ihn die Bäuerinnen, und zum Dank für seinen Beistand schickten sie Fäßchen mit Apfelbranntwein ins Presbyterium, Und normannische Kleiderschränke, jene Möbelrecken, die für Generationen unverrückbar in den Schlafzimmern stehen wie der Leibhaftige und als dunkle Schemen in die Träume der Kinder dringen. Vater Apfelbaum wurde ein wohlhabender Mann, kaufte sich ein Herrenhaus in Clécy: in dessen Privatkapelle er seine Messen las und starb doch schließlich hundserbärmlich an Knochenkrebs.

„Armer Père Pommier"“, seufzt Alfred Boidoux, Pfarrer von Lassy, Pommiers Nachfolger im Gotteshaus und im Geiste. „Na ja, zumindest hat er zwei Söhne hinterlassen.“ Und mit diesen Worten beendet der Curé seinen Bericht, nachdenklich an einer Tontasse schnüffelnd, als ob aus der bernsteinfarbenen Flüssigkeit ein Hauch von jener Zeit aufstiege, als in der Bocage die Landpfarrer noch geachtet und die Dörfer bevölkert waren.

Die Bocage liegt im Südwesten des Departements Calvados, dort, wo die Erde sich fröstelnd zusammenzieht wie Chagrinleder. Wo sich die sanfte Dünung der Normandie plötzlich zu Hügeln aufwirft und abends in kleinen, flüsternden Städten die Frau des Landarztes über dem Pariser Stadtplan sitzt und mit dem Finger die Grands Boulevards nachzieht. Die Wege hier sind eingefurcht ins Land, umschlossen von Hecken, die über dem Wanderer zusammenschlagen, grüne Laubröhren mit dem intensiven Duft von Waldmeister, Fingerhut, Brombeeren und mannshoher Schafgarbe. Abgestorbene Ulmen recken ihre Äste aus den Hecken, mit Efeu umgarnt wie antike Statuen oder Meeresnixen. Krähen flattern auf, und an den Apfelbäumen hängen tote Elstern. Die Bocage - verschlossenes, verwunschenes Land.

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Alexander Smoltczyk


Alexander Smoltczyk, geboren 1958, Studium der Volkswirtschaft, Philosophie und Landwirtschaft. Redakteur und Reporter für die taz (Frankreich-Korrespondent), Geo, Wochenpost und Merian, ab 1996 Reporter beim SPIEGEL. Seit 2005 lebt er als Italien- und Vatikankorrespondent in Rom. Smoltczyk hat mehrer Bücher veröffentlicht und zahlreiche Journalistenpreise erhalten, unter anderem zwei Kisch-Preise und einen Henri-Nannen-Preis. Seit Mai 2007 schreibt Smoltczyk wöchentlich Deutschlands erstes Vatikan-Blog „Uups! – et orbi“.
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Dokumente
Ein himmlischer Tropfen (PDF)

erschienen in:
GEO,
am 01.07.1993

 

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