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25.03.17

Prämierte Texte

Angelika Overath „Bis ins Mark

Dieser Text wurde mit dem 2. Preis beim Egon-Erwin-Kisch-Preis 1996 ausgezeichnet.

Ein Bild von rätselhafter Schönheit. Fliederfarben leuchten zwischen den roten Blutkörperchen und den Blutplättchen die Zelleiber der weißen Blutkörperchen mit den dunklen Kernen. Die Granulozyten sind stark vermehrt und erscheinen in den vielfältigen frühen Stadien ihrer Reifung. Ein letzter Blick durchs Mikroskop auf den gefärbten Blutausstrich bestätigt den Befund: chronisch myeloische Leukämie. Durchschnittliche Überlebenszeit: drei Jahre.

Am Abend des 30. September 1986 wählt der 22jährige Jörg Bauer in einer öffentlichen Sprechzelle des Bundeswehrkrankenhauses Gießen die Nummer seines Elternhauses in Zennern, einem kleinen Ort im kurhessischen Bergland zwischen Wabern und Fritzlar, und bringt ein Telephonat hinter sich, an dessen Wortlaut sich seine Mutler Rita Bauer noch nach Jahren genau erinnert. Jörg Bauer wird später nur wissen, immer wieder einen Satz wiederholt zu haben: "Ich schaffe das, ich schaffe das." Am schlimmsten aber sei gewesen, die Sache dem Opa beizubringen. Der alte Mann habe nur dagesessen und geweint.

Jörg Bauer war als er von seiner Leukämieerkrankung erfuhr Zeitsoldat in Rothwesten bei Kassel, verpflichtet auf vier Jahre. Und wahrscheinlich verdankt er diesem Umstand die frühe Diagnose: Ein Arztbesuch bringt einen halben Tag Urlaub. Also ging er zum Doktor. Wegen Nasenbluten. Nicht ein ausgeprägtes Interesse für das Militär hatte ihn zur Bundeswehr gebracht, vielmehr die Tatsache, daß Jugendliche in dem Landstrich,aus dem er kam, schlecht Arbeit finden. Jörg Bauer hatte in einer Kasseler Fachkonditorei gelernt. Zu Hause verwahrt er noch Polaroidphotographien vom Tag seiner Gesellenprüfung: Auf einem weißen Tafeltuch steht die mit geschlagenen Wiener Massen millimeterfein gefüllte Schichttorte, liegen schokoladeverzierte Florentiner, leuchten gespritzte Schwäne neben dunklen Mohrenköpfen aus Biskuitteig, aprikotiert und mit einer Eiweiß-Kakao-Zucker-Couverture überzogen. Zu den schönsten Monaten im Leben von Jörg Bauer gehört ein Praktikum in einer berühmten Bad Wörishofener Konditorei, wo man noch Baumkuchen herstellte und handgemachte Pralinen. Aber in der hessischen Provinz, seiner Heimat, roch es bei Westwind nach den Produkten der ortsansässigen Sauerkrautfabrik, bei Ostwind nach dem verbrannten Zucker der nahen Raffinerie. Und die Leute dort brauchten Bäcker.

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Angelika Overath


Angelika Overath, Dr. phil, wurde 1957 in Karlsruhe geboren. Sie arbeitet als Reporterin, Literaturkritikerin und Essayistin (vor allem für die NZZ) und als Dozentin am MAZ, Luzern. Von ihr sind mehrere Bücher mit Reportagen und Essays und zwei Romane erschienen („Nahe Tage“, 2005 und „Flughafenfische“, 2009). Ihre Arbeiten wurden mit verschiedenen Stipendien und Preisen ausgezeichnet, u.a. dem Egon-Erwin-Kisch-Preis für literarische Reportage (1996) und dem Ernst-Willner-Preis beim Ingeborg-Bachmann Wettbewerb (2006). Angelika Overath lebt in Sent, Graubünden.
Dokumente
Bis ins Mark (PDF)

erschienen in:
ZEITmagazin,
am 23.06.1995

 

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