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29.03.17

Prämierte Texte

Carmen Butta „Das Wispern im Palazzo

Dieser Text wurde mit dem 2. Preis beim Egon-Erwin-Kisch-Preis 1997 ausgezeichnet.

Der diskrete Tanz beginnt wie immer am späten Vormittag. Herrenschuhe aus weichem Leder treten auf den vanillefarbenen Marmor. Drei,fünf, acht Paare nebeneinander oder im Kreis. Sie kommen selten allein, sind niemals in Eile. Gedämpft gleiten sie über die polierten Fliesen, kehren um, verschwinden für einen Moment im Seitengang, erscheinen wieder, bewegen sich gespreizt, halten an. Manchmal hebt sich eine Schuhspitze und zieht kleine Kreise, manchmal klackt ein Absatz nachdrücklich auf, oder ein paar Damenmokassins nähern sich. Dann fließt der Tanz weiter, immer neue Konstellationen formen sich und lösen sich auf, verdichten sich wieder nach einer verwirrenden Choreographie.

Korridor der verlorenen Schritte, corridrio dei passi perduti, nennen die Akteure den langen, stuckgesäumten Saal mit seinen Leuchterschlangen an der Kassettendecke, den roten Marmorsäulen und den Girlanden der Fensterbögen. Korridor der verlorenen Schritte: das eigentliche Theater römischer Politik. Er ist nur ein Flügel des weiträumigen Palastes. Doch was nebenan in der Aula des Parlaments vorgetragen wird, hatte in diesem Saal seinen Ursprung und findet hier später auch seinen Epilog. Abgeklärtheit und Sarkasmus waren die Paten, die dem Korridor seinen Namen gaben. So wie fast 3000 Jahre Kampf um die Macht in Rom versickerte Geschichte sind, verliert sich hier das leichte Beben der Schritte auf dem Marmorboden. Wispern dehnt sich im Saal wie Melasse, und Metaphern tropfen aus den Runden der Herren, die sich in den roten Ledersesseln fläzen. Die Stunden verrinnen in Plaudern, Scherzen und eingehakt Flanieren - mit dem Parteifreund, häufiger jedoch mit dem politischen Gegner oder dem devotesten Journalisten. Man zieht an der Zigarre, gibt sich leicht und zerstreut, läßt hin und wieder eine Andeutung durch die Rauchschwaden segeln. Wie auf einer Dorfpiazza. Für die staatstragenden Männer ist dies "der Ort des Müßiggangs ohne Ruhe und der Mühe ohne Arbeit". Er ist nur eine noble Intrigenschmiede, die seit der Gründung der Republik immer neue Regierungsumstürze gebar. Nicht um die Machtverhältnisse wirklich zu ändern, sondern um die partitocrazia die Herrschaft der führenden Parteien, fünfzig Jahre lang zu zementieren. Wie im alten Byzanz gibt die Ranküne im Korridor den Impuls - für persönliche Vorteile, Posten und Pöstchen, für Machtzuwachs. Ein hier geflüstertes Wort ist wichtiger als die offizielle Rede. Aber jetzt sind die Neuen da. Sie stolzieren über den spiegelnden Marmor. Dort, Gerardo Bianco Wahlsieger und Vorsitzender des katholischen Partito Popolare, eher ein gemütlicher Lateinprofessor aus der Provinz. Er schwankt auf dem Flur des Korridors, der dem Festsaal eines Luxusliners nachempfunden ist. Gerührt bläst er die Wangen: "So viele unverhoffte Freunde hier! " Und da, Massimo D`Alema, auch Wahlsieger, Sekretär der kommunistischen Nachfolgepartei PDS. Er huscht über den glatten Stein - um den sich ausstreckenden Händen zu entgehen. Selbst Blicken weicht er aus. So wie im alten Rom soll nach gewonnener Schlacht keiner sich anbiedernd auf den Wagen des Siegers schwingen. Vor der Glastür macht sich einer der Verlierer an den Präsidenten der Abgeordnetenkammer heran. Gianfranco Fini, der Führer der Postfaschisten, gelackt, gebräunt, gescheitelt, pirscht sich an die Seite von Luciano Violante, den er noch gestern als "kommunistischen Dämon" ungeiferte. "Großartige Rede mit Bürgersinn", dröhnt Fini jetzt. Und Violantes Augen schweifen, suchen nach dem Dolch im emphatischen Ausbruch. Etwas abseits, neben einer Säule, konspiriert ein anderer Verlierer: Rocco Buttiglione, Präsident der Christdemokraten und viele Jahre Berater des Papstes. Seine Haare kleben am Schädel wie ein Toupet. Nuschelnd schwört er drei Hofschreiber auf den Sturz der noch nicht einmal vereidigten Regierung ein: Alles könne sich ändern. Ein neues großes Zentrum mit den milden Konservativen und den Moderaten der Siegerkoalition sei durchaus denkbar. Immer wieder mündet das Flanieren in der Nische am Ende des Korridors, dort, wo unter einer mattierten Glaskuppel die "mitica Buvette" sich duckt - eine ordinäre Bar, dekoriert mit Nelken in den Farben der Trikolore. Hier werden neben den täglichen 30 Kilo Kaffee die mythischen supplí verzehrt - fetttriefende Kroketten aus Reis und Mozzarella. Und hier werden die perfidesten Fallen ausgelegt. Umworben von lauernden Journalisten lehnt der Medienherr und ehemalige Premierminister Silvio Berlusconi an dem geschwungenen Tresen. Der Barmann fragt: "Was möchten Sie?" Und Berlusconi, nicht mehr im Zwei-, sondern als Verlierer jetzt im nüchternen Einreiher, blickt zur Kassettendecke des Korridors: "Den Senat." Die Journalisten lächeln gefällig und amüsiert. Es klingt wie ein Scherz. Doch nur ein paar Schritte entfernt steht der künftige Premierminister Romano Prodi. Er schwenkt gelassen die Kaffeetasse, als habe er das Angebot nicht verstanden.

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Carmen Butta


Carmen Butta, 1962 am Comer See geboren, lebt seit 1983 in Hamburg als freie Autorin für Reportagen (GEO, Spiegel, Stern, Die Zeit, FAZ Magazin) und Dokumentarfilme (ARTE, ZDF, NDR, WDR, SWR). Schwerpunkt: sozialkritische, kulturelle Themen weltweit.
Dokumente
Das Wispern im Palazzo

erschienen in:
GEOsaison,
am 01.10.1996

 

Kommentare

kerstin, 26.04.2015, 10:51 Uhr:

Sehr geehrte Frau Butta,
am 25.04. habe ich auf arte Ihren Bericht Kambodscha Die Seele der Seide gesehen und war sehr beeindruckt. Vor allem von der jungen Frau, die in der Schuldenspirale sitzt obwohl sie so viel arbeitet. Da war mir mal wieder bewußt wie gut es uns geht und trotzdem jammern wir so viel.Wissen Sie wie hoch ihre Schulden in Euro sind und
ist es möglich der Frau mit einer Spende zu helfen
Auf eine Antwort von Ihnen würde ich mich freuen.
Mit freundlichen Grüßen
Kerstin Quast

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