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29.04.17

Prämierte Texte

Harald Martenstein „Siegfrieds Erbin

Dieser Text gewann den 2. Preis beim Egon-Erwin-Kisch-Preis 2004.

Der Suhrkamp-Verlag hat sechs Pressedamen. Da ruft man einfach an. „Guten Tag. Sie haben ja jetzt eine neue Geschäftsführerin, die Frau Berkéwicz. Da dachte ich…“ Die Pressedame: „Frau Berkéwicz redet zurzeit mit niemandem.“ Ihr Ton klingt, als hätte man im Weißen Haus angerufen und mit arabischem Akzent George W. Bush verlangt. „Wissen Sie, ich soll ein Porträt ihres Verlages schreiben. Mit wem könnte ich mich denn da unterhalten?“ „Sie dürfen, wenn Sie möchten, schriftliches Informationsmaterial abholen.“ Ich denke: Das ist wieder genau wie damals, als ich diese Geschichte über Scientology machen musste. Ich sage: „Danke, das hilft mir sicher sehr.“ „Kommen Sie nächste Woche, Mittwoch, 14 Uhr.“ Ich denke: Um mir ein paar Prospekte in die Hand zu drücken, brauchen sie eine Woche Vorlauf. Das ist ja ein extrem schräger Laden.

Suhrkamp. Ein deutscher Mythos. Der edelste Intellektuellenverlag. Viele sagen, dass Suhrkamp niemals Pleite gehen kann, völlig egal, wer den Verlag führt. Sie haben einfach zu viele Klassiker im Programm. Brecht, Frisch, Enzensberger, Bloch, das wird immer gelesen. Obwohl. Alles vergeht.

Dem Verleger Siegfried Unseld bin ich mal auf seinem berühmten Kritikerempfang vorgestellt worden. Ich hatte mich aus Neugierde eingeschlichen, mit Hilfe der Behauptung, ich sei der neue Lebensgefährte einer Freundin Unselds. Unseld drückte fest meine Hand und sagte: „Ah! Es freut mich wirklich ganz besonders, dass Sie kommen konnten, mein Lieber.“ Er hatte keine Ahnung, wer das ist, aber er war eben so. Peter Handke hat mal beschrieben, wie Unseld reagierte, wenn ein berühmter Autor, zum Beispiel Handke, ihm ein Manuskript geschickt hatte. Er rief an. Er sagte eine Minute lang nichts. Man hörte durchs Telefon nur den schweren Atem von Unseld. Eine Minute lang. Und dann die Worte: „Ein Meisterwerk!“ Anschließend legte er auf. Die meisten Autoren mochten diesen Stil.

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Harald Martenstein


Harald Martenstein, 1953 in Mainz geboren, studierte Geschichte und Romanistik in Freiburg. Er war Redakteur der "Stuttgarter Zeitung" und arbeitet seit 1988 in verschiedenen Funktionen für den Berliner "Tagesspiegel". Außerdem schreibt er regelmäßig für "Geo". Seit 2002 ist Martenstein Kolumnist der "Zeit", in dieser Funktion hat er den Henri-Nannen-Preis gewonnen. 2006 erschien sein Roman "Heinweg".
Dokumente
Siegfrieds Erbin als PDF

erschienen in:
Der Tagesspiegel,
am 05.11.2003

 

Kommentare

Aneisha, 25.04.2016, 05:57 Uhr:

.. on the other hand …Mr. Ellis is doing exactly the right thing if he wishes to obscure history (and the essential soicostihatpin of reality) and replace it with good v. evil religious mythology (which serves the purpose of eternally validating whatever actions we take, no matter when or what reason, as innocent reaction to the evils of Nazis)

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