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23.07.17

Laborberichte

Jürgen Neffe „Gestatten, mein Name ist Alkohol

Soll man einen wissenschaftlichen Artikel mit einem Gedicht beginnen? Und zweitens noch in der Ich-Form, und drittens aus der Perspektive eines Moleküls? Ist das nicht unsachlich, unsachgemäß, unseriös? "Leise schleich' ich durch die Kehlen in die Seelen, ins Gemüt, lasse lachen, grübeln, prügeln, dirigiere Mut und Wut“ – mit selbst geschmiedeten Versen beginnt Jürgen Neffe seinen Artikel, 1992 im Magazin der Süddeutschen Zeitung erschienen, über die beliebteste aller Drogen: „Gestatten, mein Name ist Alkohol“.

Der Titel und der Reim suggeriert es: Hier spricht erstens der Mephisto aus Goethes Faust zum Leser. Und dieser Teufel ist ein Molekül, der Alkohol selbst. "Ich glaube, ich bin Ihnen eine Erklärung schuldig", hebt der Alkohol an zu reden. Ein Kniff wie aus Nouvelle Vague-Filmen, wenn die Schauspieler plötzlich in die Kamera sprechen, eine Volte, bekannt auch aus dem amerikanischen „New Journalism“. Tom Wolfe nannte die Leseransprache "lapel-grabbing narrator": Der Erzähler packt den Leser am Schlafittchen.

Ein furioser Anfang!

Doch schon wird es problematisch: Nun hebt Neffe an, ganz im Stil des biologistischen Determinismus, mit einem Molekül die Welt zu erklären. Von der Menschwerdung über die biblische Vertreibung aus dem Paradies über die katholische Messe bis hin zum Nobelpreis: Alles ist ein Effekt des Teufels Alkohols.

Gerade in den 1990er Jahren war diese Form des deterministischen Storytellling hoch im Kurs: komplexe gesellschaftliche Phänomene werden auf eine vereinfachte Thesen reduziert. Besondere Konjunktur hatte damals die Metapher vom Egoistischen Gen und von Memen, die sich wie Viren von Gehirn zu Gehirn schleichen. Viren und Gene regierten die Welt, auch die der Kultur. Dies monokausale Erzählprinzip hat eine eigene Schönheit, denn es ist griffig und provokant. Besonders in Wissenschafts-Stories über die Anthropologie wurde dieses Erzählstrategie gern verwendet: Mal machte das Lachen den Mensch zum Mensch, dann der Werkzeuggebrauch, mal ist es das Schleudern von Speeren, mal das Singen, mal das gegarte Fleisch. Als ob der moderne, aufgeklärte Mensch eigentlich keine Logik wolle, sondern nach Mythen verlange – nach Wissenschaftsmärchen.

Auch Neffe spielt das theologische Monokausalspiel mit. Für ihn steckt natürlich der Teufel Alkohol hinter der Menschwerdung. Inhaltlich präsentiert Neffe eine erstauliche Fülle von Fakten und verpackt sogar trockene chemische Details in eine sehr süffige Form. Doch je weiter man liest, desto stärker nutzt sich der erste Aha-Effekt ab. Ein Problem, das vielen derartigen Textexperimenten anhaftet, vor allem in der Ichform (vgl. "Bericht an eine Akademie" und "Zaubervogel, wo steckst du", auf dieser Seite)

Irgendwann wird es immer schwieriger, dem fiktiven Erzähler eine kohärente Stimme zu geben. Mal klingt Neffes sprechender Alkohol wie ein Geschichtsprofessor, dann wieder wie aus einem Chemielehrbuch entstiegen, und das mephistophelische Säuseln, das die Leser in den Text gelockt hat, klingt immer mehr wie eine nervige Schlagermelodie, die nicht mehr aus dem Ohr geht - wie ein Mem sozusagen.

Doch genau in diesem Webfehler liegt auch die Stärke des Textes: It's not a bug, it's a feature. Das Herumreiten auf der Ichform irritiert und hält Neffes eigenem monokausalen Argument stilistisch einen Spiegel vor. Während herkömmliche Texte oft durch ihren sachlichen Ton und eine Fülle von "Experten" die Leser mit der scheinbaren Objektivität eines allwissenden Beobachters einlullen, macht Neffe genau das Gegenteil. Er setzt auf die Strategie des "unzuverlässigen Erzählers" in der Ichform, der schamlos egoman argumentiert. Indem er ihn auf die Spitze treibt, ironisiert und subvertiert er den biologischen Determinismus, den er zu vertreten vorgibt.

Fazit: Poesie und Überschwang können, klug eingesetzt, geradezu die Basis von gutem, kritischem Journalismus sein. Das beweist auch die erste Ausgabe einer sehr renommierten Wissenschafts-Zeitschrift. Deren erster Leitartikel, wir schreiben das Jahr 1869, beginnt so:

"NATURE! We are surrounded and embraced by her: powerless to separate ourselves from her, and powerless to penetrate beyond her." So geht es weiter, 29 Strophen lang. Diesem Gedicht von Goethe verdankt die Zeitschrift ihren Namen: Nature.

                                                                       Hilmar Schmundt

Leise schleich' ich durch die Kehlen in die Seelen, ins Gemüt, lasse lachen, grübeln, prügeln, dirigiere Mut und Wut. Heimlich herrsch' ich über Liebe, über Kriege, Glück und Hass, Menschen zwischen Wohl und Wehe, Körper zwischen Lust und Last. Ob ihr dichtet oder dämmert, ob ihr feiert oder weint, nach meinem Bild habt ihr die Welt erschaffen, ich bin der Geist, der euch...

Ich glaube, ich bin Ihnen eine Erklärung schuldig. Nicht, dass ich mich gezwungen sähe, eine Beichte abzulegen. Ich will nur mein Gewissen um ein wenig Wissen erleichtern. Zunächst sollte ich mich jedoch vorstellen: In "absoluter" Form bin ich eine brennbare, farblose Flüssigkeit, die Sie als brennend im Geschmack empfinden, lasse mich jedoch beliebig mit Wasser verdünnen und gleichsam als Gewürz für Getränke verwenden. Je Gramm enthalte ich gut sieben Kalorien Energie, ich siede bei 78,3 Grad Celsius, also mit weniger Hitze als Wasser. Das ich mich an diesem ständig messe, hat seine besondere Bewandnis, auf die wir noch zu sprechen kommen.

Außer als Nahrungsmittel, als Appetitanreger und Durstlöscher diene ich als Schlaf- und Betäubungsmittel, als Angstlöser und Mutmacher, ja als Medium für menschliches Miteinander schlechthin. Unter Ihnen, den Menschen, hbe ich daher sehr viele Freunde und ungezählte Liebhaber. Deren Liebe kann so selbstlos sein, dass manche von Abhängigkeit reden, ja sogar davon, sie seien mir verfallen. Ein paar Feinde habe ich auch - die meisten waren meine besten Freunde, bevor sie von mir ließen. Und viele Abtrünnige kehren reumutig zurück in meine Arme. Das ist auch nicht sonderlich schwierig, gelte ich doch unter meinesgleichen als leicht erschwinglich und jederzeit verfügbar. Ich bin omnipräsent, fühle mich omnipotent, sehe alles, höre alles und mach' mir meinen Reim darauf. Man nennt mich Alkohol, mein vollständiger Name ist Ethylalkohol - kurz: Ä- oder Ethanol.

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Jürgen Neffe


Jürgen Neffe, promovierter Biologe, begann seine journalistische Karriere als Redakteur und Autor bei GEO. Später ging er als Reporter zum Spiegel, für den er während der Clinton-Ära auch als Korrespondent aus New York berichtete. 2003 leitete er das Hauptstadtbüro der Max-Planck-Gesellschaft in Berlin. Als Journalist und Autor wurde Jürgen Neffe mehrfach ausgezeichnet, u.a. mit dem Egon-Erwin-Kisch-Preis. Seine Einstein-Biographie gehörte 2005 zu den Top-Ten Jahresbestsellern, wurde vielfach übersetzt und von der Washington Post 2007 zum „Book of the Year“ gekürt.
Dokumente
Jürgen Neffe: Gestatten, mein Name ist Alkohol

erschienen in:
SZ-Magazin,
am 10.07.1992

 

Kommentare

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