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29.04.17

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Rebecca Casati „Das Monster in ihrer Mitte

Wir wissen nicht, wie lange die Journalistin Rebecca Casati den Schauspieler Mickey Rourke interviewt hat. Aller Wahrscheinlichkeit nach: nicht sehr lange. Gut möglich, dass sie eines dieser Promo-Ketteninterviews geführt hat. Das Setting: ein Schauspieler, der etwas verkaufen möchte, seinen neuen Film zum Beispiel, ein Hotel, eine PR-Dame und jede Menge Journalisten. Die werden dann im 15- oder im 45-Minuten-Rhythmus vorgelassen. Ganz schön schwer, daraus eine gute Geschichte zu erzählen.

Rebecca Casati erzählt eine verdammt gute Geschichte. Indem sie das macht, was man macht, wenn man nur wenige Szenen im Block hat: Man lässt den Text atmen zwischen Gesprächs-Gegenwart und biographischer Rückschau. So dass es dem Leser vielleicht gar nicht auffällt, dass man eigentlich nur ganz kurz mit dem Beschriebenen im Zimmer sitzt. Dass die direkten Zitate in der Unterzahl sind.

Nochmal: ein schwieriges Genre. Alles hängt nun davon ab, im Gespräch genau hinzuschauen und die Biographie, die Nacherzählung mit interessanten Details zu füttern.

Casati hat genau hingeschaut: "Er stemmt sich aus der Couch, bis er seine beeindruckende Bärenstatur erreicht hat. Langsam fährt einem eine Art Hand entgegen. Die Finger sind gewölbt wie Klauen, die Nägel um die Kuppen herum gewachsen. "Herzlich willkommen", sagt er feierlich. Der eigentliche Händedruck von Mickey Rourke hingegen, er ist überraschend zart."

Die Nacherzählung: ebenso gelungen. "Mickey Rourke war der schönste Junge und gleichzeitig der größte Antiheld der achtziger Jahre. Dem breiten Gewinnergrinsen von Tom Cruise setzte er ein sardonisches kleines Lächeln entgegen. Die greifbare Männlichkeit von Patrick Swayze oder Richard Gere konterte er mit einer rätselhaften, ja verwirrenden Erotik. Und zwischen den unzähligen anderen, stromlinienförmigen Kinohelden der Reagan-Ära wirkte Rourkes Ambivalenz geradezu poetisch."

Wir wissen nicht, wie lange Casati mit Rourke gesprochen hat. Wir wissen nur, dass sie ihn ziemlich sympathisch fand. Dass sie uns an ihren Gefühlen teilhaben lässt, dass wir mit ihr diesem dämlichen, wunderbaren Kerl in die Augen blicken können, "und in diesem Blick, in seinen fast kohlschwarzen Augen liegt nichts Lauerndes, Neurotisches, sondern eine sonderbare Tiefe, und dann liegt in diesen Augen noch: Neugier" 

… das ist schon ein starkes Stück.

Dirk Glücksberg

Er stemmt sich aus der Couch, bis er seine beeindruckende Bärenstatur erreicht hat. Langsam fährt einem eine Art Hand entgegen. Die Finger sind gewölbt wie Klauen, die Nägel um die Kuppen herum gewachsen. "Herzlich willkommen", sagt er feierlich. Der eigentliche Händedruck von Mickey Rourke hingegen, er ist überraschend zart.

Er wohnt schon seit einigen Wochen im Londoner Hotel Blakes. Trotzdem wirkt er, als sei er soeben unfreiwillig in dieses seidentapetenbespannte Ambiente versetzt worden. Als sei er in Wahrheit aus einer Zeit, in der Schauspieler noch nicht in schnöseligen Londoner Hotels organische Säfte bestellten, sondern mit Planwagen über Land rumpelten und auf Märkten auftraten.

Rourke ist - heute - der wärmste, herzlichste Schauspieler seiner Prominenz. Er ist groß und stämmig, er sieht sein Gegenüber unverwandt an, und in diesem Blick, in seinen fast kohlschwarzen Augen liegt nichts Lauerndes, Neurotisches, sondern eine sonderbare Tiefe, und dann liegt in diesen Augen noch: Neugier. Mickey Rourke schaut tatsächlich wie jemand, der zum ersten Mal die Welt bereist.

Sein Gesicht nun ist, man kann es nicht anders sagen, schockierend. Vier Operationen und 15 Jahre Erfolglosigkeit haben Rourke entstellt. Seine feinen Wangenknochen hat er sich beim Boxen wegprügeln lassen, sie sind nun begraben unter Narbengewebe. Sein Atem geht schwer. Seine Augenlider spannen sich stramm wie Segel über seine Augäpfel. Seine Nase besteht im Wesentlichen aus Knorpelmasse, die man seinem Ohr entnommen hat. Nicht einmal seine Stimme, früher ein heiserer Bariton, ist ihm geblieben; heute klingt sie tief, voll, brummend, so als komme sie vom Grund eines Whiskeyfasses.

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Rebecca Casati


Rebecca Casati, 38, geboren in Hamburg, begann ihre Laufbahn beim Jetzt, dem Jugendmagazin der Süddeutschen Zeitung, ging dann als Redakteurin zum SZ Magazin, und wechselte schließlich in die Wochenendbeilage SZ Wochenende, wo sie heute Geschichten über Kultur und Gesellschaft schreibt und ansonsten für die großen Interviews zuständig ist. Zwischendurch schrieb und arbeitete sie auch für diverse Frauenmagazine und verbrachte anderthalb Jahre im Kulturressort des Spiegel.
Dokumente
Rebecca Casati: Das Monster in ihrer Mitte (pdf)

erschienen in:
Süddeutsche Zeitung (SZ),
am 21.02.2009

 

Kommentare

Steffen, 03.03.2013, 11:58 Uhr:

...wie immer-jeder Artikel ,ein besonderes Unikat..danke

Anne Hodgson, 06.11.2009, 17:22 Uhr:

Dieser Artikel hat mir so gut gefallen, so dass ich R. Cassati im eigenen Blog spontan zum Deutschlernen und Übersetzen ins Englische empfohlen habe. Ihre Schreibe ist ein Genuss.

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