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19.10.17

Laborberichte

Tobias Hürter „Superheld für acht Tage

Einnehmender Beobachter

Alle reden übers Doping. Aber wie funktioniert es, und wie fühlt es sich an? Tobias Hürter tut einfach, was ein guter Reporter in einem solchen Fall tun sollte: Er geht so dicht ran wie möglich. Er schreibt auf, was er hört und sieht und denkt. Er liefert Anekdoten, erläutert die wissenschaftlichen Hintergründe. Er hält sich dabei zurück mit Bewertungen, und lässt das Geschilderte weitgehend für sich sprechen.

Eine handwerklich gelungene Reportage. Und genau darum höchst umstritten. Das zeigen die heftigen Reaktionen in Online-Foren. "Der Artikel ist in höchstem Maße selbstdarstellerisch sowie unkritisch/verharmlosend", heißt es da in einem Forum der Zeit, und ein Kollege von Focus online schreibt: "Den verharmlosenden Epo-Selbstversuch eines radfahrenden 'Zeit.de'-Journalisten finde ich schlichtweg pervers."

Denn Hürter zitiert nicht einfach nur ein paar Sportler, Ärzte oder Funktionäre. Sondern er überschreitet eine unsichtbare Grenze: Er wird vom Beobachter zum Teilnehmer, indem er sich selber eine Woche lang Epo spritzen lässt, erst von einem der bekanntesten Epo-Spezialisten weltweit, dann von seinem Vater, am Küchentisch. Er schildert, wie seine körperliche Leistungsfähigkeit zunimmt, und wie seine Stimmung aufgehellt wird. Aus dem teilnehmenden Beobachter wird sozusagen ein einnehmender Beobachter.

Hürters Reportage wirft etliche Fragen auf. Kann ein Reporter auch zu dicht herangehen an seinen Gegenstand? Kann er sich vielleicht zu sehr eines Urteils enthalten? Gibt es Grenzen der Teilnahme und der Einnahme in der Medizinreportage - und wo könnten sie liegen? Wie wäre zum Beispiel eine Reportage zu bewerten, in der ein Journalist Heroin an sich selbst ausprobiert, oder eine Virusinfektion? Man könnte allerdings auch anders herum fragen: Woran liegt es, dass einige Leser automatisch die teilnehmende Beobachtung als als unkritisch, selbstdarstellerisch und verharmlosend wahrnehmen? Und wieso wird die teilnehmende Beobachtung, diese schwierige, aufwändige, riskante Form, nicht öfter eingesetzt, gerade bei moralisch aufgeladenen Themen?

Hilmar Schmundt

Was mache ich hier? Gute Frage für einen 35-jährigen, ledigen und gesunden Mann in einer Praxis für Gynäkologie und Geburtshilfe. Ich sitze im Wartezimmer des Frauenarztes Christian Breymann in Zürich. Er will mir ein Medikament verabreichen, das er sonst gebärenden Müttern nach starken Blutverlusten gibt: das Hormon Erythropoetin, kurz Epo.

Furore machte Epo fernab seines zugedachten therapeutischen Zwecks: als eines der wirkungsvollsten Dopingmittel in der Geschichte des Sports. Im Radsport begann eine neue Zeitrechnung, als Ende der achtziger Jahre rekombinantes, also mittels genetisch veränderter Bakterien hergestelltes Epo verfügbar wurde. Neue Fahrer tauchten wie aus dem Nichts auf, zogen den alten Granden davon. Ein Jahrzehnt lang, bis zum Festina-Skandal bei der Tour de France 1998, spritzten sich viele Radprofis so viel Epo, wie sie kriegen konnten, nahezu ohne Strafrisiko. Inzwischen sind die Kontrollen deutlich schärfer, die Dosierungen deutlich vorsichtiger. Doch der Spuk ist keineswegs vorbei. Die jüngste Serie von Epo-Geständnissen deutscher Radprofis und Betreuer, zuletzt die Beichte von Jörg Jaksche im Spiegel, lässt das Ausmaß des Dopingsystems ahnen. Bewegt haben die Bekenntnisse wenig. Es wäre ein Wunder, wenn die Tour de France am nächsten Samstag nicht Epo-beschleunigt starten würde.

(...)


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Tobias Hürter


Geboren 1972 in Lindau am Bodensee, aufgewachsen in München. Studium der Mathematik und Philosophie in München und Berkeley (Kalifornien). Wissenschaftsautor unter anderem für den „Spiegel“, die „Zeit“. Redakteur beim Wissensmagazin P.M.
Dokumente
Superheld für acht Tage (pdf)

erschienen in:
Die ZEIT,
am 05.07.2007

 

Kommentare

Makaela, 25.04.2016, 10:01 Uhr:

Lost in all the blather about “Global War2gni&#82m1; is the fact that more people die of COLD every year than of HEAT.If the Democrats had their way with the environment, then even MORE poor people would die.Heh.

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