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Autoren-Interview

Peter-Matthias Gaede „"Ich war damals noch nicht lässig"

"Die ganz, ganz großen Reporter sind für mich jene, die sehr schlicht schreiben", sagt "Geo"-Chefredakteur Peter-Matthias Gaede. "Aber mit großer Substanz. Ein Alexander Smoltczyk zum Beispiel. Oder ein Sußebach. Ein Willeke. Wenn ich deren Texte lese, habe ich nicht das Gefühl: Hier hat einer den doppelt eingesprungenen Rittberger versucht. Da werden keine Wirkungspirouetten gedreht. Die sind oft einfach gedanklich sehr gut. Und sehr präzise. Es gibt ja eine Schönheit, die aus der Präzision herrührt."

Das Interview hat Markus Wanzeck geführt. Wanzeck, Jahrgang 1979, hat Philosophie in München und Sydney studiert, war auf der Zeitenspiegel-Reportageschule Günter Dahl und gehört zum Berliner Büro des Reporter-Netzwerks Textsalon.


Lieber Peter-Matthias Gaede, Sie haben für dieses Gespräch „Die Startmaschine“ wiedergelesen, jene Reportage, mit der Sie 1984 den Egon Erwin Kisch-Preis gewannen. Wie sehen Sie dieses Stück heute?

„Die Startmaschine“ kommt mir aus heutiger Sicht ein bisschen verkrampft vor. Ich war damals noch nicht lässig. Ich konnte es auch nicht sein – es war meine zweite große Reportage überhaupt. Ich war der Sklave von einer Million Fakten, hatte Probleme mit dem Selektieren. Da war der unbedingte Wille, alles, was ich in Erfahrung gebracht hatte, in dieser Geschichte auch abzuladen. Und ich glaube, bei dieser Gelegenheit habe ich überdüngt. Auch finde ich den Text in der Retrospektive etwas prätentiös. Er ist unbescheiden geschrieben. Ich habe versucht, möglichst viel mit ungewöhnlichen Begriffen und Bildern zu arbeiten. Die schlichten Wörter, die schlichten Sätze habe ich nicht zugelassen. Jeder Satz hatte Bedeutung zu transportieren, ein Bild aufzumachen, in einem Bild zu bleiben – „der Wettergott“ et cetera. Ich habe versucht, viele letzten Endes banale Zusammenhänge oder Fakten hochzujazzen.

Oder hat genau das den Text lesenswerter gemacht? Schließlich nimmt er ein – mit Verlaub – eher dröges Thema in den Blick.

In gewisser Weise ja. Sonst hätte der sich Text womöglich gelesen wie eine Bedienungsanleitung oder wie ein Fachbuch für Ingenieure.

Sie beginnen mit „Zahlenkloppen“. Eigentlich ein Rausschmeißer. Wollten Sie gleich zu Anfang Faktenballast abwerfen?

Ich glaube, es gibt nicht wirklich eine Gesetzmäßigkeit für den guten Einstieg. Es gibt ja die Erfahrung: Wenn einen die ersten vier Sätze nicht fesseln, dann lässt man das Lesen gleich ganz bleiben. Und immer wieder fällt der Satz: Man muss eine Reportage mit einem Erdbeben beginnen und dann langsam steigern. Aber ich glaube, wenn man es als Reporter erst einmal mit den Mühen der Ebene zu tun hat, stößt man auf verschiedene Möglichkeiten, in Texte hineinzufinden. Was allerdings „Die Startmaschine“ konkret betrifft, war es eine auf die Spitze getriebene Faktenhuberei, ein Gewaltakt gegen das schluckfreundliche Hineingleiten in ein Thema. Ein stolzes: Ihr, Leser, habt hier gefälligst zu lernen!

Sie verwenden immer wieder rasante assoziative Übergänge, um zwischen den vielen Perspektiven zu zappen: Zwischen der Jetreinigung und der Beschäftigtenstatistik und der Gepäckförderband-Anekdote liegen nur wenige Sätze...

Ich habe jedenfalls darauf geachtet, dass es einen – wie auch immer gearteten – Übergang von A zu Z gab. Und wenn der nicht sachlich herzustellen war oder einfach als Fortgang der Geschichte, habe ich versucht, Unvereinbares verbal zusammengehörig zu machen.

Es gibt Ich-Einschübe und Du-Selbstgespräche. Empfinden Sie es als eine Tugend, wenn der Reporter sich im Text selbst ins Spiel bringt?

Ich bin da von Geschmackswellen bewegt worden. Anfangs habe ich in der Ich-Form geschrieben. Dann erschien sie mir eine Zeit lang als der Ausweis einer peinlichen und aufdringlichen Bauchnabelbespiegelung. Weil ich zur der Ansicht gelangte, es interessiere die Leser vermutlich nicht ganz so sehr, wie sich der Reporter fühlt. Die Leistung des Reporters habe vielmehr ausschließlich darin zu bestehen, zu vermitteln, wie sich jene fühlen, über die er schreibt. Bei GEO haben wir die Ich-Form eine Weile ganz ausdrücklich auf null reduziert. Das hing auch damit zusammen, dass wir, als National Geographic in einer deutschen Version erschien, dort quasi nur Reportagen in Ich-Form vorfanden. Es ging also auch um Abgrenzung. Mittlerweile sind wir der Meinung, dass jedes Gesetz am besten immer mal gebrochen wird. Und deshalb bin inzwischen wieder toleranter gegenüber der Ich-Form. Sie macht es manchmal schlicht einfacher, eine Geschichte zu schreiben. Sie hilft, eine gewisse Hüftsteifheit zu vermeiden, die man eher mal hat, wenn man krampfhaft auf das „ich“ verzichtet.

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Peter-Matthias Gaede


Peter-Matthias Gaede, geboren am 27. April 1951 in Selters. Schulzeit in Kassel, Studium der Sozialwissenschaften an der Universität Göttingen, dort Abschluss zum Diplom-Sozialwirt. Gaede ist Absolvent des ersten Lehrgangs an der G+J-Journalistenschule in Hamburg. Danach arbeitete er zunächst in der Stadtredaktion der Frankfurter Rundschau, 1983 ging er zu GEO, wurde dort 1987 Chefreporter und ist seit Juni 1994 Chefredakteur. Gaedes Texte wurden ausgezeichnet mit dem Theodor-Wolff-Preis, dem Journaistenpreis Entwicklungspolitik und dem Egon-Erwin-Kisch-Preis.
Dokumente
Interview mit Peter-Matthias Gaede
Peter-Matthias Gaede: Die Startmaschine (pdf)

erschienen in:
Reporter-Forum,
am 27.06.2009

 

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