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24.03.17

Bücher

Cay Rademacher „Zwei Jahre für drei Tage

Am 3. September 1939, nur achteinhalb Stunden nach der Kriegserklärung, torpediert ein deutsches U-Boot den britischen Dampfer Athenia. Mehr als 1400 Menschen sind an Bord. Cay Rademacher, Geschäftsführender Redakteur von "Geo Epoche", hat, um die Tragödie minutiös zu rekonstruieren, anderthalb Jahre lang recherchiert:

"Diese Zeitungen in britischen, amerikanischen oder deutschen Archiven und Bibliotheken auszugraben ist mühsam, die Zusammenstellung der Überlebendenlisten anhand von brüchigem Zeitungspapier oder schlecht leserlichen Mikrofilmen eine Sklavenarbeit. Aber so gewinnt man einen wichtigen Rohstoff für die Recherche: Namen von Augenzeugen.

Im Buch „Drei Tage im September. Der Untergang der Athenia“ merkt man dann nichts mehr vom Schweiß des Recherchierens, alles ist erzählerisch aufgelöst, es beginnt so:

Sonntag, 3. September 1939, an Bord der Athenia, 19.38 Uhr. Edith Lustig schlendert über das Promenadendeck des britischen Oceanliners und hat noch eine Minute zu leben. Die 27 Jahre alte Deutsche, die einige Tage zuvor beim Ausfüllen der Passagierliste »Hausfrau« als Beruf angegeben hat, wandert an der Backbordseite entlang, irgend wo zwischen dem Heck und der Mitte des Schiffes. Vielleicht denkt sie über ihre Vergangenheit nach – und über ihre Zukunft. Denn zusammen mit ihrem Mann Dr. Egon Lustig ist sie geflohen. Beide sind Juden, sind gerade noch aus dem nationalsozialistischen Deutschland entkommen. Zunächst sind sie nach Großbritannien gelangt, das letzte Quartier des Ehepaares lag in der Great Russell Street im Herzen Londons, nur ein paar Minuten Fußweg östlich des Piccadilly Circus und der Bond Street mit ihren exquisiten Geschäften. Doch dort wollen sie nicht bleiben: Edith und Egon Lustig haben eine Passage dritter Klasse nach Kanada ergattert – und die Athenia soll sie nun nach Übersee bringen.

Bitte laden Sie den Buchauszug und Cay Rademachers Bericht über das "Making of" rechts herunter - zusammen mit einer Liste von Büchern, die er historischen Reportern zur Lektüre empfiehlt.

Der Oceanliner Athenia war das letzte britische Schiff, das im Frieden den Hafen verließ - und das erste, das im Zweiten Weltkrieg versenkt wurde. Die Geschichte des Dampfers und die des deutschen U-Bootes, das ihn am 3. September 1939, nur achteinhalb Stunden nach der Kriegserklärung, im Atlantik torpedierte, ist eine Parabel für den Ausbruch des Zweiten Weltkriegs, für eine Epoche, die im Weltenbrand versinkt. Mehr als 1400 Menschen waren an Bord: Flüchtlinge aus Deutschland und Osteuropa, kanadische Familien auf der Rückreise vom Verwandtenbesuch in England, US-Touristen, die aus dem kriegsbedrohten Reiseziel flohen, Wissenschaftler, deren Kongress von der Krise jäh unterbrochen wurde. Reiche und Arme, Kinder, Frauen und Männer, wenige Prominente, viele Namenlose.

Eine gute Geschichte, journalistisch gesehen. Wie aber kann man sie aufschreiben, fast 70 Jahre danach?

Die Form

Eine klassische Reportage ist es nicht, als Journalist kann man ja nicht dabei sein. Bei „Geo“ nennt sich das Genre „historische Rekonstruktion“, wenn ein vergangenes Ereignis so genau wie möglich beschrieben wird: Im Präsenz, präzise, detailreich.

Wer weiß beispielsweise schon, wie es an Bord eines Dampfers der Dreißiger Jahre aussieht? Dass etwa der Kapitän auf der Brücke steht und sein Schiff steuern lässt (so wie heute auch), dass er aber fast taub und stumm ist gegenüber der weiten Welt? Der Funker nämlich arbeitet in einem Verschlag weit entfernt von der Brücke, jede Meldung wird umständlich aufgeschrieben, in Umschläge eingesteckt und von einem Boten hin und her getragen. Und wenn ein Funkspruch schließlich eine Station an Land erreicht, dann bleibt er dort oft stundenlang ungelesen liegen, auch ein Notruf. Zwei Dinge, die bei der Unglücksfahrt der Athenia fatale Konsequenzen haben werden - und die man notieren muss, will man beschreiben, was in jener Nacht des 3. September 1939 geschah.

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Cay Rademacher


1965 in Flensburg geboren, Seit 1999 Redakteur bei Geo, seit 2004 Geschäftsführender Redakteur von Geo Epoche. Und Buchautor, zuletzt: "Drei Tage im September. Die letzte Fahrt der Athenia 1939" (marebuch 2009).
Dokumente
Cay Rademacher über die Arbeit an "Athenia" (pdf)
Auszug aus Cay Rademachers Buch "Athenia" (pdf)
Cay Rademachers Lektüre-Tipps (pdf)

erschienen in:
Reporter-Forum,
am 27.06.2009

 

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