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30.05.17

Jan Grossarth „Und vergib uns unsere Kohlenstoffschuld

Dieser Text wurde mit dem Axel-Springer-Preis 2009 in der Kategorie Print ausgezeichnet.

Kerzenschein erleuchtet ein bronzefarbenes Tischkreuz, Pater Hubka ist irritiert. Mit grauem Hemd, grauem Bart und grauer Hose sitzt der Seelsorger auf der grauen Polsterbank in seinem "Beichtmobil“, das früher ein Wohnwagen war. Die rote Kerze ist fast heruntergebrannt. Hubka blickt nach draußen und sieht die Quellen des polyphon hereindringenden Katholikentag-Lärms. Aus riesigen Lautsprechern vor dem Dom brummt die beruhigend-tiefe Stimme des Bischofs Bode, vielfach verstärkt, sie sagt: "Nehmt und trinket alle daraus.“ Direkt neben dem Beichtmobil tanzen langbärtige Urchristen in Leinengewändern entfesselt zu mittelalterlichen Gitarrenklängen. Jugendliche lachen krächzend. Pater Hubka sagt: "Pfingsten in Jerusalem, als der Heilige Geist über die Menschen kam, muss alles noch ein bisschen anders gewesen sein.“

Der Augustinerpater Hubka ist Stille gewöhnt. Wenn er für "Kirche in Not“ sein Kloster Waghäusel verlässt, um nach Menschen zu fischen, muss er ertragen, dass sich der Weihrauchduft einer Fronleichnamsprozession mit Bratwurstdampf und Frittenqualm, Frömmigkeit mit Entertainment mischt. Immerhin fünfzig Menschen hätten hier sein Beichtmobil genutzt, fünfzig von sechzigtausend, das sei nicht schlecht, im sonnenstrahlenden Osnabrück.

Schon das in unschuldigem Babyblau gestaltete Programmheft, mehr als fünfhundert Seiten dick, hatte auf ein Themengewirr vorbereitet. Kinderarmut, spirituelle Tänze, Nein zur Todesstrafe, HipHop, "Lesbisch, na und?“, Afrika, Bau von Sonnenkollektoren, Regiogeld, Biosprit, Globalisierung, "Bist du auch ein Weltveränderer?“. In der Innenstadt kreuzen sich die Wege von Predigern, Ordensleuten in braunen Kutten, gutartig blickenden Menschen mit gelben Jutebeuteln, von über tausendachthundert Helfern mit hellblauen Halstüchern. Nonnen rasten auf Papphockern, Väter und Kinder vespern Bananen, Frauen in blauer Kostümierung tanzen auf einer Bühne vor dem Theater in sternförmigen Glücksformationen zu einem fremdartig modernen "Kyrie Eleison“.

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Jan Grossarth


Jan Grossarth, geboren 1981, studierte Volkswirtschaftslehre an der Münchner Ludwig-Maximilians-Universität. Während des Studiums war er vier Jahre lang freier Mitarbeiter beim Münchner Lokalteil der Süddeutschen Zeitung. Seit April 2008 Volontär bei der Frankfurter Allgemeinen Zeitung. Im selben Jahr erhielt er den Hessischen Journalistenpreis (2. Platz), 2009 den Axel-Springer-Preis.
Dokumente
Und vergib uns unsere Kohlenstoffschuld (PDF)

erschienen in:
Frankfurter Allgemeine Zeitung (FAZ),
am 26.05.2008

© Alle Rechte vorbehalten. Frankfurter Allgemeine Zeitung GmbH, Frankfurt. Zur Verfügung gestellt vom


 

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