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25.03.17

Diskussion

Wolfgang Michal „Texte und Zitate vorlegen?

Darf man jenen, über die man schreibt, den Text vorlegen, ehe er veröffentlicht wird? Auf gar keinen Fall, findet Wolfgang Michal, der seit langem für "Geo" arbeitet, das Netzwerk "Autoren+Reporter" mitbetreibt und "Freischreiber"-Aktivist ist.

Finden Sie das auch? Oder glauben Sie, wie etwa Christoph Scheuring, man sei sogar verpflichtet, dem Porträtierten den Text zu zeigen, vorausgesetzt, dieser Mensch ist medienunerfahren, bekleidet also kein öffentliches Amt und ist nicht prominent?

Und wie soll man es halten mit dem leidigen Autorisieren von Zitaten? Ist das auch bei Reportagen zulässig?

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Das Wissen über die Regeln des Journalismus scheint allmählich verloren zu gehen. Zum Beispiel die Regel Nr.1: Lege niemals einer beschriebenen Person Deinen Text vor. Offenbar geschieht genau das aber immer öfter. Man will schließlich hinterher keinen Ärger.

Porträtierte Personen ertragen es oft nicht, anders gesehen zu werden als sie es selbst für richtig und schicklich halten. Sie schreiben böse Briefe, drohen mit dem Anwalt, sehen ihr Persönlichkeitsrecht mit Füßen getreten, erwarten Widerruf und Entschädigung, verfluchen den Journalismus im Allgemeinen und den konkreten Journalisten im Besonderen. Leider werden solche (narzisstischen) Reaktionen auch von Richtern zunehmend unterstützt.

In Zeiten der Selbstvermarktung des Einzelnen scheint es normal zu sein, das Bild, das man in der Öffentlichkeit abgibt, kontrollieren zu wollen. Machen doch alle! Und weil es die Stars und Wichtigtuer so machen, möchte sich jede und jeder zum Sympathieträger stilisieren. Wer an diesen Selbstbildern kratzt, kriegt eine gewischt. Für Journalisten, die Porträts schreiben, ein echtes Dilemma. Denn wer sich eine Beschreibung vom Beschriebenen genehmigen lassen muss, kann im Grunde gleich PR machen.

Jeder Reporter hat die Pflicht, am Ende der Recherche wieder Abstand zum Gegenstand zu gewinnen. Er darf sich nicht mit denen gemein machen, die er beschreibt. Sonst lesen wir bald nur noch jene inflationär sich verbreitenden Porträts ganz toller Menschen, die sich ihren nächsten Karrieresprung, ihren neuen Film, ihren gelungenen Reibach von einem Mietjournalisten promoten lassen.


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           KOMMENTARE
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gesendet am 6. Mai 2009

Regel Nr. 1 - blicke nicht in den Abgrund, wenn du auf dem Seil tanzt.

Sehr wichtig, denn sonst verliert man das Seil (den Faden) unter den  Füßen und: stürzt ab. Außerdem ist das Prickeln dann weg: Was wird  geschehen, wenn ich drüben auf der anderen Seite bin? Applaus? Buh- Rufe? Ich habe erlebt, dass Leute nicht mehr mit mir gesprochen haben,  obwohl ich sie knallsympathisch fand, und glaubte, sie so dargestellt  zu haben. Dann wieder habe ich um Freundschaften gezittert und -  Freunde gewonnen.

Ich mache allerdings Ausnahmen: Kürzlich schrieb ich über eine Frau,  die weder prominent, noch medienerfahren ist. Sie erzählte mir einfach  ihr Leben. Wahrscheinlich wurde ihr erst während der Fotosession  bewusst, worauf sie sich eingelassen hatte. Ich gab ihr den Text zum  Lesen. Das war eine der berühmten Ausnahmen von der Regel.

Ansonsten muss ich Wolfgang Michal zustimmen. Den Ärger und die  Diskussionen danach muss man aushalten. Besser als das Gemäkel aus  persönlicher Eitelkeit davor. (auch schon erlebt. leider.)

Herzliche Grüße
Kathrin Schrader

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gesendet am 6. Mai 2009

Ich stehe dem Thema zwiespältig gegenüber. Einerseits beruhigt es, zu wissen, dass die Leute sich richtig zitiert fühlen. Gerade als unbekannter freier Journalist möchte man nicht, dass der Porträtierte erbost in der Redaktion anruft — es könnte die erste und letzte Veröffentlichung sein. Deswegen habe ich mehreren Menschen einen Blick auf "ihre“ noch unveröffentlichten Texte gestattet.
Es handelt sich um 2000-Zeichen-Textchen über Deutsche, die im Ausland leben — es ging darum, wie es sich an einem bestimmten Ort lebt, nicht um ein Personenporträt im eigentlichen Sinne.

In acht von zehn Fällen hatte ich nicht das geringste Problem. In zwei Fällen jedoch hatten die Porträtierten mich offenbar missverstanden, als ich ihnen versprach, sie dürften ihre Zitate checken. Sie empfanden den gesamten Text als "ihren“ Text und meinten, sie könnten an jedem Satz rumdoktern. Beide wollten mir verbieten, bestimmte Dinge zu erwähnen. Man stelle sich einen amerikanischen Kollegen vor, der über eine Amerikanerin schreibt, die in Hamburg lebt. Die Dame liest den Text und befiehlt: "aber die Erwähnung der Reeperbahn hat nichts zu suchen in /meinem/ Text. Und den Michel nehmen sie auch lieber raus.“

Ich bin mir nicht sicher, wie ich in Zukunft vorgehen werde; ich tendiere eher dazu, die Texte nicht mehr vorzulegen.

viele Grüsse aus Kolumbien

Peter Marz

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Wolfgang Michal


Wolfgang Michal, geboren 1954 in Dachsbach, schreibt seit 30 Jahren Reportagen, Porträts und Wissenschaftsgeschichten für Magazine und Zeitungen. 1974/75 absolvierte er die Deutsche Journalistenschule und studierte anschließend Politikwissenschaft an der Universität München. Von 1988 bis 1998 war er Redakteur der Zeitschrift GEO. Neben Büchern zur Politik veröffentlichte er 2007 „Einsame Klasse“ - ein nachdenkliches Buch über alternde Journalisten.
Website des Autors
erschienen in:
Reporter-Forum,
am 01.05.2009

 

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