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Prämierte Texte

Wolfgang Wiedlich „Ein kleiner Haufen Denker

Dieser Text wurde von der Vorjury für den Henri-Nannen-Preis 2009 in der Kategorie Dokumentation vorgeschlagen.

Am Anfang war der Kühlschrank. Vor 90 Jahren werden in Detroit die ersten für den privaten Haushalt verkauft. Gerade einmal 61 Exemplare. Die kühlenden Chemikalien sind giftig und neigen zu kleineren Explosionen. Ein Jahr später, 1919, wird James Lovelock nördlich von London geboren. Bald wird er ein neugieriger Junge sein. Viel später wird er für die NASA darüber nachdenken, mit welchem Instrument an Bord einer Sonde man am besten prüft, ob der Mars belebt oder unbelebt ist.

Zu dieser Zeit ist Thomas Midgley bereits 30 Jahre alt und ein findiger Maschinenbau-Ingenieur in Diensten von General Motors in Detroit (USA). 1924 entdeckt Midgley, wie sich das Klopfen in Verbrennungsmotoren verhindern lässt: Indem man dem Benzin Blei beimischt. Für die Substanz Tetraethylblei erhält er das Patent US-1668022.

Es ist eine Zeit, in der es noch keine strengen Prüfungen für eine neue Substanz gibt. Weder einen Unbedenklichkeitscheck für die Umwelt noch für die menschliche Gesundheit. In großen Mengen werden in den nächsten Jahrzehnten immer mehr Autos Blei in die Atmosphäre blasen, und Wind und Wolken werden das Blut- und Nervengift um den Globus tragen.

Von Arbeitern, die das Benzinadditiv herstellen, werden Gehstörungen und Wahnvorstellungen berichtet. Einige sterben. Erst sehr viel später wird der Mensch erkennen, wie sehr bereits kleinere Konzentrationen die Gesundheit beeinträchtigen. 1929 schafft Midgley den Durchbruch bei den Kühlschränken. Die von ihm komponierten Fluorchlorkohlenwasserstoffe (FCKW) garantieren, dass kein Kühlgerät mehr explodiert.

FCKW sind auch sichere Treibmittel für Deodorants, Asthma-Inhalatoren und vieles Segensreiche mehr. Für sein Patent US-2192143 hätte Midgley statt Chlor auch Brom in das Wundermittel einbauen können, aber Chlor ist preiswerter. Es folgt ein Siegeszug der FCKW in Klimaanlagen, bei der Herstellung von Schaumstoffen, als Reinigungs- und Lösungsmittel. Es ist eine Substanzklasse, die in der Natur nicht vorkommt, aber jetzt in die Natur entlassen wird.

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Wolfgang Wiedlich


Wolfgang Wiedlich, geboren 1956 in Bonn; verheiratet, zwei Kinder. Studium der Geographie und Sportwissenschaft in Bonn; danach Volontär, Redakteur und Ressortleiter des Bonner General-Anzeiger. Für den Artikel "Unser täglich Brot" erhält er 1995 den Theodor-Wolff-Preis. Zahlreiche Veröffentlichungen zu Umwelt- und Klimathemen. Seit 1998 Präsident des Basketballvereins Telekom Baskets Bonn.
Dokumente
Ein kleiner Haufen Denker (PDF)

erschienen in:
General-Anzeiger Bonn,
am 09.02.2008

 

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