Reporter Forum Logo
27.06.17

Prämierte Texte

Christian Schüle „Das gecoachte Ich

Dieser Text wurde von der Vorjury für den Henri-Nannen-Preis 2009 in der Kategorie Dokumentation vorgeschlagen.

Sie entsprach perfekt dem Ideal unserer Zeit, alles ging glatt, alles war eindeutig, sicher, Schritt für Schritt ein Aufstieg. Sie tat, was sie immer tun wollte, fuhr den großen Wagen, hatte das gute Gehalt, den verständnisvollen Mann, saß in einem Büro mit bestem Blick über die Hamburger Außenalster, erfuhr soziale Anerkennung, war rational, planend, positiv, und dann, ohne genau sagen zu können, wann, wo und warum, hatte sie auf einmal ihr Ich verloren. Sie konnte nicht mehr sagen: Ich spüre mich. Sie wusste nicht mehr zu sagen, wer sie war.

Miriam Schwarzenberg* war zu jener Zeit Head of Human Resources einer der größten Werbeagenturen Deutschlands, 40 Jahre alt, nach außen hin souverän, eine hart arbeitende Leistungsträgerin, die ihren Arbeitsalltag damit zubrachte, Personal zu akquirieren, Teams zu schmieden und einander plötzlich feindlich gesinnte Kollegen zum Coaching zu schicken, damit diese sich ihre Schwächen eingestehen. Und auf einmal war sie bei ihr gelandet, dieser furchtbaren Frage: Ist da was in ihrer Seele? Weil sie keine Antwort fand, entschied sie, zu einem Coach zu gehen. An einem Freitag im Juni begannen die Arbeiten an einem neuen Leben, begann die Arbeit am Vertrauen in das Leben.

Das Umdenken in Deutschland setzte vor etwa fünf Jahren ein. Bis dahin wurde belächelt, wer sich coachen ließ. Er war stigmatisiert als Verlierer, Schwächling, Kranker. Mittlerweile gilt Coaching als Zeichen hoher Wertschätzung. Wenn der einzelne Arbeitnehmer einen Coach zur Seite bekommt, ist das ein Signal: Wir schauen auf dich! In dich wollen wir investieren! Mittlerweile hat vermutlich jede zweite Führungsperson ihren ständigen Coach, in Großkonzernen werden ganze Abteilungen regelmäßig durchgecoacht, externe Coachs fördern den Teamgeist in mittelständischen Unternehmen, und selbst Kindergärtnerinnen lassen sich vom Coach durch den Arbeitsalltag führen. Was ist geschehen? Inwieweit sind einfache Lebensführungskompetenzen verloren gegangen, dass erwachsenen und überaus erfolgreichen Menschen das Gelingen des Lebens wieder beigebracht werden muss?

mehr...

Zurück

Christian Schüle


Christian Schüle, Jahrgang 1970, Studium der Philosophie und Politischen Wissenschaft in München und Wien, ist freier Buch-Autor, Essayist und Reporter. Er lebt und arbeitet in Hamburg und München. Seine Texte wurden mehrfach ausgezeichnet. Zuletzt erschienen im Piper-Verlag der Essay „Deutschlandvermessung“ und das reiseliterarische Buch „Türkeireise“ (beide 2006).
Dokumente
Das gecoachte Ich (PDF)

erschienen in:
Die ZEIT,
am 21.08.2008

 

Kommentare

Giggles, 25.04.2016, 09:35 Uhr:

Je reçois aussi pas mal de sooltcitaiilns de la part de jeunes auteurs en recherche d'une première critique. Je ne donne plus suite par crainte de ne pas aimer le livre en question et de devoir le leur dire (car il n'est pas question que je mente). Les mésaventures de quelques blogueurs m'ont refroidie. Je lis et je blogue pour le plaisir. Je ne veux pas de prise de t^ete.

Kommentar hinzufügen

* - Pflichtfeld

*


CAPTCHA-Bild zum Spam-Schutz
Wenn Sie das Wort nicht lesen können, bitte hier klicken.
*
*
Kontakt: Reporter Forum e.V. | Sierichstr. 171 | 22299 Hamburg