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Prämierte Texte

Annabel Wahba „Meine Putzfrau kehrt heim

Dieser Text wurde von den Vorjuroren für den Egon-Erwin-Kisch-Preis 2009 vorgeschlagen.

Maria erwacht aus einer traumlosen Nacht. Es ist sechs Uhr morgens, sie hat wenig geschlafen, doch ihre Müdigkeit scheint sie jetzt nicht zu spüren. Draußen vor dem Busfenster zieht ihre Vergangenheit vorbei. Maria beugt ihren Kopf ganz nah an die Scheibe, ihre Nasenspitze berührt fast das Glas. Sie schaut zur Konservenfabrik, in der sie bis vor sechs Jahren gearbeitet hat, kein Arbeiter ist zu sehen, die Fenster sind zerborsten, der Wind bläst den Staub über den verlassenen Hof. Die Molkerei nebenan ist auch geschlossen, genau wie die Tierfutterfabrik gegenüber. "Katastrophe", sagt Maria und wiegt langsam den Kopf hin und her. Dabei ist sie nicht ganz unschuldig daran, dass es so gekommen ist.

Maria ist zu Besuch in ihrem Heimatdorf Tovtry im Südwesten der Ukraine. Sie hat es verlassen, weil sie in Deutschland zwanzigmal so viel verdient wie hier. Viele im Dorf sind wie sie ins Ausland gegangen, es ist niemand mehr da, der in den Fabriken arbeiten wollte. Die 41 Jahre alte Maria lebt jetzt in Berlin, zweimal im Jahr setzt sie sich in einen Minibus, einen Tag später ist sie wieder bei ihrer Familie. Eine seltsame Wandlung vollzieht sich dann mit ihrer Person, dann ist sie nicht mehr Maria, die Putzfrau, sondern Maria, die Reiche aus Deutschland — und Maria, die Mutter.

Diesmal hat sie mich mitgenommen. Maria ist meine Putzfrau. Am Morgen der Abfahrt kam sie zum ersten Mal nicht in meine Wohnung, um dort Ordnung zu schaffen, sondern um mich abzuholen und mir ihr Zuhause zu zeigen. Oft hat sie mir von der Ukraine erzählt, von den Feldern rund um ihr Haus, die sie bei ihren Besuchen mit der Hand bestellt, von den Gänsen im Garten, die sie selbst schlachtet. Ihr Zuhause liegt nur eine Zeitzone weiter östlich, doch in ihren Erzählungen hörte es sich an, als läge es in der Vergangenheit. Sie scheint dort ein Leben zu führen, wie ich es aus den Kindheitserinnerungen meiner Großmutter kenne. Wenn Maria dann weitererzählte, von ihren beiden 14 und 20 Jahre alten Töchtern aus erster Ehe, die mit der Oma noch in Tovtry wohnen, brach sich ihre Stimme. Sie konnte die Mädchen nicht nach Berlin holen, weil ihr Einkommen für eine Familienzusammenführung immer zu niedrig war. Und so lebt sie hier, und ihre Kinder leben dort.

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Annabel Wahba


Annabel Wahba, geboren 1972, studierte Politikwissenschaft in München. Sie besuchte die Deutsche Journalistenschule und ging anschließend nach Israel als freie Korrespondentin. Später war sie Redakteurin beim Jetzt-Magazin der Süddeutschen Zeitung, beim Tagesspiegel und ist seit 2007 Mitarbeiterin der ZEIT. Sie lebt in Berlin. Auszeichnungen: Axel-Springer-Preis; Emma-Preis.
Dokumente
Meine Putzfrau kehrt heim (PDF)

erschienen in:
ZEITmagazin,
am 21.08.2008

 

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