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30.04.17

Jochen-Martin Gutsch „Ein tödlicher Text

Dieser Text ist für den Egon-Erwin-Kisch-Preis 2009 nominiert.

Er kann vier, fünf Schritte vor gehen und zurück und drei zur Seite. Außer dem metallenen Doppelstockbett, dem Tisch, dem Stuhl und einem hölzernen Regal befinden sich in seiner Zelle noch ein Klo zum Hocken und eine Dusche, von der sich schwer sagen lässt, ob sie funktioniert. Es ist eine gute Zelle für afghanische Verhältnisse. Die Zelle für einen besonderen Gefangenen.

Es gibt nur nichts, was er hier tun kann. Wenn die Tür ins Schloss fällt, bleiben die Ungewissheit und die Gedanken in seinem Kopf, die sich zumeist um Tod und Rettung und Recht und Unrecht drehen und auf denen er herumkaut wie auf zähem Fleisch. Zweimal besuchte ihn sein Bruder Yaqub, einmal kam sein Vater, und dann hat Kambaksh wieder gewartet, ob sich irgendetwas tut beim Supreme Court in Kabul, bei den Leuten, die über seine Berufung entscheiden und von denen er hofft, dass sie begreifen, dass man ihn nicht einfach aufhängen oder ihm ein paar Kugeln in den Kopf jagen kann für dieses verdammte Blatt Papier.

Das Gefängnis Pol-i-Charkhi erwächst aus dem Nichts wie ein steinernes Raumschiff. Am östlichen Stadtrand von Kabul gelegen, erreicht man es zum Ende hin über eine unbefestigte Straße, deren Schlaglöcher so tief sind, dass sie jeden Autoreifen verschlucken. Die Straße ist je nach Jahreszeit und Wetter entweder hart und staubig oder ein tiefer, brauner Morast. Sie führt durch ödes Land ohne Bäume und ohne Menschen und endet schließlich an einem hohen stählernen Tor, gerahmt von zwei Wachtürmen aus Felsstein. Dahinter liegen verwaschene Bauten. Rechteckig und schmal wie umgekippte Schuhkartons, erbaut in den siebziger Jahren, genutzt von den Sowjets, den Taliban und heute von der neuen Regierung.


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Jochen-Martin Gutsch


Jochen-Martin Gutsch, geboren 1971 in Ost-Berlin. Nach seinem Jura-Studium ging er zur Journalistenschule nach München. Er arbeitete als Reporter für die "Berliner Zeitung", für die er heute noch als Kolumnist tätig ist. Seit September 2005 ist er Reporter im Gesellschaftsressort des SPIEGEL. 2004 erhielt er den Theodor-Wolff-Preis. Buchveröffentlichung: "Cindy liebt mich nicht"/Roman(zusammen mit Juan Moreno), verfilmt für das Kino, 2010.
Links
Ein tödlicher Text (PDF)

erschienen in:
###ARTICLE_PUBLISHER###,
am 19.05.2008

 

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