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19.11.17

Wie man's macht

Stephan Porombka „Der Spaziergang als Short Story

"Ben Witters Spaziergänge mit Prominenten", schreibt Stephan Porombka, "dürfen heute als exemplarische Stilübungen für Kulturjournalisten gelten, die Personen porträtieren wollen, über die man schon alles zu wissen glaubt. Und es sind Stilübungen für Kulturjournalisten, die sich weder blenden lassen, noch das Gegenüber voll ausleuchten wollen. Von Witter kann man lernen, wie sich selbst dort noch situationistisch verfahren lässt, wo der Pressebetrieb und Medienrummel schon alles formatiert hat." Ben Witter (1920-1993), "Zeit"-Journalist und Poet, war ein Meister der kleinen, literarischen Form - vor allem erinnert man sich an ihn aber wegen eben dieser "Spaziergänge".

Wir entnehmen den Text dem soeben von Stephan Porombka und Erhard Schütz im Siebenhaar-Verlag veröffentlichten Sammelband "55 Klassiker des Kulturjournalismus", ein "Best of" journalistischer Gegenwartsdiagnosen von Georg Philipp Harsdörfers "Jämmerlichen Mordgeschichten" (1649) bis Christian Krachts "Der Freund" (2004-2006).



Die längsten und weitesten Spaziergänge mit einem ‚Prominenten’ hat nicht Ben Witter unternommen. Das war Carl Seelig, der ab dem Sommer 1936 knapp zwanzig Jahre mit dem Schriftsteller Robert Walser unterwegs war, wobei die Wanderungen in der Regel ihren Ausgang von der kantonalen Heil- und Pflegeanstalt im schweizerischen Herisau nahmen, in die sich Robert Walser 1929 hatte einweisen lassen und deren Patient er bis zum Lebensende geblieben ist. Eigentlich wollte Seelig etwas für die Publikation von Walsers Werken tun; notiert und publiziert hat er dann aber das wohl berührendste Langzeitporträt der Literaturgeschichte. Zu jedem Ausflug gibt es ein schmuckloses Protokoll der Gespräche, die manchmal erst nach einigen schweigend zurückgelegten Kilometern beginnen. Dabei durchqueren die beiden Spaziergänger (mit Seeligs zarter Gesprächsführung) nicht nur Walsers Leben und Werk, auch wird über die Literatur und den Betrieb der Gegenwart geplaudert, wahlweise auch über die Landschaft, über Weihnachtsfeste, über das Essen oder eine Kellnerin.

Die Idee, mit Robert Walser den Herisauer Rückzugsraum zu verlassen und mit ihm spazieren zu gehen, um über seine Literatur zu sprechen, ist geradezu genial. Nicht nur ist Walser bekanntermaßen ein pathologisch-passionierter Spaziergänger, und Seelig führt seinen Gesprächspartner damit in einen vertrauten Bewegungsraum. Auch porträtiert er Walser als jemanden, der sich nicht einfach beobachten lässt. Meist geht er neben Seelig, bald geht er vor ihm, bald bleibt er hinter ihm, dann wieder sitzen sich beide gegenüber. Mal schweigen sie, mal ergibt sich ein längeres Gespräch. Meist aber bleibt es bei Andeutungen, denen nicht weiter nachgeforscht wird und die dann auch Seelig in seinen Protokollen nicht weiter kommentiert. Und so ergibt sich ein Bild vom Autor in ‚seinem’ Raum, mit einer Art sich zu bewegen und einer Art zu sprechen, die — man darf es beim Lesen vermuten — der Walserschen Art zu schreiben wohl am nächsten kommen. Seeligs zarte Empirie darf deshalb nicht nur auf biographische Fakten hin gelesen werden. Die Wanderungen mit Robert Walser ergeben vor allem einen Text, der in der Erzählweise einholt, was er in den nacherzählten Gesprächen zu suchen vorgibt.

Mit diesem Porträtprojekt sind die legendären fünfundzwanzig Spaziergänge mit Prominenten verwandt, die der Literat, Journalist, Essayist und Aphoristiker Ben Witter zehn Jahre nach dem Erscheinen des Walser-Buches begonnen und über achtzehn Monate als Serie in der der ZEIT veröffentlicht hat. Auch Witter nimmt sein Gegenüber mit nach draußen. Auch diesmal will der Autor dem Gespräch einen zusätzlichen Bewegungs- und Erzählraum verschaffen, in dem der andere nicht einfach beobachtet und festgelegt, sondern aus einzelnen Eindrücken und Bildern zusammengesetzt wird. Doch während sich Seeligs Langzeitaufnahmen wie Skizzen für eine große biographische Erzählung lesen, hält sich Witter ans Prinzip der Short Story. So entwickeln hier zwei Spaziergänger zwei Erzählstrategien, um mit zwei unterschiedlichen Problemlagen zurechtzukommen: Seelig hat sich vorgenommen, den von der Öffentlichkeit längst vergessenen Walser ins Gedächtnis zurückzurufen; Witter dagegen will versuchen, die omnipräsenten, verdinglichten Medienbilder zu löschen, mit denen die so genannten Prominenten überklebt sind.

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Stephan Porombka


Stephan Porombka, Jahrgang 1967, ist Professor für Literatur und Kulturjournalismus an der Universität Hildesheim.
Dokumente
Stephan Porombka über Ben Witter (pdf)
Ben Witter: Spaziergang mit Axel Springer (pdf)
Ben Witter: Spaziergang mit Helmut Schmidt (pdf)

erschienen in:
Reporter-Forum,
am 28.02.2009

 

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