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27.05.17

Bücher

Wolfgang Prosinger „Der eigene Tod

"Die Stunden mit Tanner gehören zu den intensivsten meines Lebens", sagt Wolfgang Prosinger. "Ich kam jedes Mal mit einer langen Fragenliste, die ich nach Sachgebieten und nach Lebensstationen gegliedert hatte. Aber oft verzweigte sich das Gespräch schnell in ganz andere Richtungen. Manchmal waren es aber auch zähe, quälende Stunden. Dann haben wir geschwiegen. Oft aber, Sie werden es nicht glauben, haben wir auch gelacht. Und Sekt getrunken." --- Es braucht Mut, Geduld und die Fähigkeit, die leisen Töne zu treffen, um eine buchlange Reportage über einen Menschen zu schreiben, der nicht mehr leben möchte. Wolfgang Prosinger, Autor von "Tanner geht", erzählt, wie er sich dieser Aufgabe gestellt hat.

"Oft, Sie werden es nicht glauben, haben wir gelacht“

Wolfgang Prosinger, Reporter beim Berliner "Tagesspiegel“, über seine Groß-Reportage zum Thema Sterbehilfe, kürzlich erschienen unter dem Titel "Tanner geht“ — über unbarmherzige Nächstenliebe, Distanz und Nähe zu einem todgeweihten Protagonisten und die Schwierigkeit, den richtigen Ton zu treffen.

RF: Herr Prosinger, Sie haben drei Monate lang einen Schwerkranken auf seinem Weg in den Freitod begleitet, einen 51-jährigen Mann, der an Krebs, Parkinson und Aids litt, ehe er im Januar 2008, bei dem Sterbehilfeverein Dignitas in Zürich, ein tödliches Medikament trank. Was war, ehe Sie mit der Recherche begannen, Ihr ganz persönliches Interesse an dem Thema?

Wolfgang Prosinger: Mich hat schon immer das Thema Selbstbestimmung — Fremdbestimmung interessiert. Und wenn man älter wird — ich bin 60 -, werden auch die Themen älter. Also habe ich mich gefragt: Wie sieht es mit der Selbstbestimmung aus, wenn Menschen alt werden, krank werden, wenn sie Pflegefälle werden, wenn es ans Sterben geht. Die Antwort auf diese Frage ist schrecklich. So schrecklich wie die Unmündigkeit, zu der alte Menschen verurteilt werden. Das fand ich empörend, und das war der erste Grund für das Buch. Der andere war der Tod meiner Mutter vor fünf Jahren. Die Ärzte hätten ihr ein leichteres Sterben verschaffen können. Sie haben es nicht getan.

RF:
Was war Ihre Haltung zur Sterbehilfe, vorher, und wie hat sie sich durch die Recherche verändert?

Prosinger: Ich hatte ein ziemlich diffuses Verhältnis dazu. Wie die meisten Menschen wollte ich mich lange Zeit damit nicht befassen. Aber jetzt nach meiner Recherche, nach der Begegnung mit einem leidenden, todkranken Mann, muss ich sagen: Der begleitete Suizid, wie er in der Schweiz möglich ist, sollte auch bei uns zugelassen werden. Das wäre eine humane, menschenfreundliche Tat, eine Zeichen von Zivilisation. Leider wird das immer noch von einem Kartell der Unbarmherzigkeit verhindert, von Politiker, Kirchenleuten und manchen Ärzten.

RF: Sie arbeiten als Reporter beim "Tagesspiegel“ — warum wollten Sie nicht einen Artikel, sondern ein Buch über das Thema schreiben?

Prosinger: Das Thema ist zu groß für so einen kleinen Zeitungsartikel. (...)

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Wolfgang Prosinger


Wolfgang Prosinger, Jahrgang 1948, Politik- und Feuilletonredakteur bei verschiedenen deutschen Zeitungen, fünf Jahre Italienkorrespondent in Rom. Seit 2001 leitet er die Seite Drei des Berliner Tagesspiegel. Autor mehrerer Bücher, zuletzt "Tanner geht. Sterbehilfe - ein Mann plant seinen Tod".
Dokumente
Interview mit Wolgang Prosinger (pdf)
Leseprobe aus "Tanner geht" (pdf)
Buchtipps von Wolfgang Prosinger

erschienen in:
Reporter-Forum,
am 28.02.2009

 

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