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23.06.17

Prämierte Texte

Marian Blasberg / Anita Blasberg „Abschiebeflug FHE 6842

Dieser Text wurde von den Vorjuroren für den Egon-Erwin-Kisch-Preis 2009 vorgeschlagen.


Gern gelesen: "Abschiebeflug FHE 6842“


"Eine gute Reportage wirkt nach. Liest man sie vor dem Einschlafen, bringt sie einen um den Schlaf. So erging es mir jedenfalls, als ich die Reportage "Abschiebeflug FHE 6842“ von Anita und Marian Blasberg gelesen habe.

Am 18. September 2006 schieben die Länder der Europäischen Union erstmals gemeinsam Migranten nach Afrika ab, der erste "Sammelcharter“. Die Reportage rekonstruiert jene lange Nacht. Wir treffen den deutschen Beamten, der die Aktion organsiert hat, und jene, die damals im Flugzeug saßen. In einem fort wechselt der Text die Perspektive und die Zeitebene, mal sind wir bei den Beamten, dann bei den Afrikanern, mal in jener Nacht im Flugzeug, dann wieder im Heute. Jeder der Beteiligten ist Gefangener seiner Logik: hier die Afrikaner, die alles riskiert haben für ein bisschen Glück und nun vor den Scherben ihrer Träume stehen, dort die mal überkorrekten, mal zynischen Beamten, treue Diener eines Rechtsstaates. Faszinierend: Nie schlägt sich der Text auf eine Seite, er klagt nicht an und verdammt  nicht � und entwirft dennoch ein quälendes, peinigendes Bild bürokratischer Unmenschlichkeit.

Der Leiter der Aktion, im Text Udo Radtke genannt, hat Windeln dabei, weil sich die Abzuschiebenden bisweilen einkoten; »der Sammelcharter ist die Zukunft«, sagt er, und sagt auch: "Wäre er in Afrika geboren, sagt er, dann würde er wohl auch sein Glück versuchen in Europa, legal oder illegal, damit seine beiden Kinder eine Zukunft hätten.“

Und ein Psychologe kommentiert die Ängste einer Pubertierenden: "13 Jahre wart ihr jetzt in Deutschland, da habt ihr sicher viel gelernt, was ihr in eurer Heimat umsetzen könnt“,

Abgeschoben wird die Familie Kpakou, die eben 13 Jahre im hessischen Cölbe gelebt hat und nun über Nacht außer Landes geworfen wird. Eine Tragödie: Der herzkranke Vater muss in Deutschland bleiben und ist darüber so verzweifelt, dass er zweimal versucht, sich das Leben zu nehmen; seine Kinder, in Deutschland aufgewachsen, bekommen daheim in Togo Malaria und die Krätze; die Familie versinkt in Elend und Armut; schließlich opfert sich die 16-jährige Belinda, die in Deutschland Kindergärtnerin werden wollte, und verdingt sich als Prostituierte.

Es trifft Raimi, der sechs Jahre lang in Hamburg Teller spülte und das Geld seinem älteren Bruder schickte. Nun, bei seiner Rückkehr erfährt Raimi, dass alles umsonst war: "Von seinen Eltern hört er, dass sein Bruder jetzt zwei Ehefrauen habe. Ausschweifende Hochzeitsfeste habe man gefeiert, sogar Kühe geschlachtet, und niemand hat ihm je davon erzählt. Sechs Jahre war Raimi weg, sechs lange Jahre, in denen er nur für die Zukunft lebte, aber alles war umsonst. Die Familie hat sein Geld einfach verprasst. Versoffen und verfressen.“

Wer diese Reportage gelesen hat, dem wird das Wort Abschiebung nicht mehr so leicht von der Zunge gehen."

Dirk Glücksberg



In der Nacht des 18. September 2006 startete in Hamburg eine Chartermaschine mit 32 Afrikanern an Bord: Die erste europäische Sammelabschiebung unter deutscher Federführung. Was wurde aus den Passagieren? Die Rekonstruktion einer langen Nacht

Der Abend senkt sich über den Hamburger Flughafen Fuhlsbüttel, als die Maschine der Schweizer Charter-Airline Hello endlich auf dem Rollfeld eintrifft. Ein halbes Jahr hat Udo Radtke* auf diesen Moment hingearbeitet, und jetzt spürt er, wie das Adrenalin durch seinen Körper pumpt. Radtke, ein leitender Angestellter der Hamburger Ausländerbehörde, durchmisst mit eiligen Schritten den alten Terminal 1, der sonst nur noch als Abfertigungshalle für Urlaubsflüge dient.

Es ist der 18. September 2006, nur noch wenige Stunden bis zum Start, und alle wollen etwas von ihm, das Ärzteteam und einige der hundert Bundespolizisten, die jetzt schon durch die Wartehalle wuseln. Der Staatsrat aus der Innenbehörde will ihm die Hand schütteln, und die Beobachter aus den EU-Ländern möchten, dass er ihnen die Logistik dieser Sammelabschiebung erläutert, aber Radtke hat jetzt keine Zeit. Die ersten Afrikaner werden zur Durchsuchung eskortiert, und im Behandlungszimmer sitzt dieser Togoer, dessen Blutdruck immer höher steigt.

Radtke läuft nach draußen auf den Parkplatz und holt ein Paket mit Windeln aus dem Kofferraum seines Dienstwagens. Immer wieder kommt es vor, dass sich ein Abzuschiebender einkotet. Danach packt Radtke die Pappkartons mit Lebensmitteln aus, die er am Wochenende noch besorgt hat, Sandwiches, Obst und Müsliriegel. Vor den Sitzreihen arrangiert er sie zu einem Buffet. Eine Mahlzeit lenkt die Afrikaner ab. Radtke weiß, die Ankunft am Flughafen ist ein kritischer Punkt. Es ist der Punkt, an dem sie begreifen, dass sie keine Chance mehr haben. Der Punkt, an dem es eskalieren kann.

Wie immer trägt Radtke einen dunkelblauen Anzug, und sein schütteres blondes Haar ist sorgfältig gekämmt. »Ich repräsentiere Deutschland«, wird er später sagen, aber nun spürt er die Augen von 13 europäischen Innenministern auf sich ruhen. Es ist die erste deutsche Sammelabschiebung, die mit Mitteln des Return-Projekts der Europäischen Union finanziert wird, und er, Udo Radtke, hat sie organisiert: 32 Afrikaner, die aus verschiedenen Staaten der EU und aus verschiedenen Bundesländern kommen, sollen ausgeflogen werden nach Guinea, Togo und Benin.

Normalerweise würden sich ihre Spuren dort verlieren. Wir sind ihnen nachgereist, denn sie waren, ohne es zu wissen, Teilnehmer an einem Test, der das Geschäft der Abschiebung verändern sollte. Es war ein Flug in eine neue Dimension.


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Marian Blasberg


Marian Blasberg, geboren 1975, studierte Philosophie und Germanistik in Düsseldorf. Im Anschluss besuchte er die Deutsche Journalistenschule in München. Seit 2006 arbeitet Blasberg als Pauschalist bei der ZEIT (Ressorts Magazin und Dossier). Auszeichnungen: Erich-Klabunde-Preis für sozial engagierten Journalismus (2008), Otto-Brenner-Preis für kritischen Journalismus (2008)

Anita Blasberg


Anita Blasberg, geboren am 9.6.1977 in Düsseldorf, studierte Sozialwissenschaften, Politikwissenschaften, Psychologie und Germanistik in Düsseldorf. Anschließend besuchte sie die Henri-Nannen-Journalistenschule in Hamburg. Seit 2006 ist Blasberg Autorin für DIE ZEIT, sie wohnt in Berlin. Auszeichnungen: 2008 Erich-Klabunde-Preis für sozial engagierten Journalismus und Otto-Brenner-Preis für kritischen Journalismus.
Dokumente
Abschiebeflug FH 6482 (pdf)

erschienen in:
ZEITmagazin,
am 10.01.2008

 

Kommentare

Raynoch, 25.04.2016, 02:50 Uhr:

You really found a way to make this whole proescs easier.

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