Reporter Forum Logo
23.06.17

Gern gelesen

Dialika Krahe / Juan Moreno „Das Traumschiff

"Das Traumschiff" heißt die Reportage von Dialika Krahe und Juan Moreno, erschienen im "Spiegel". Weil in dem winzigen Boot, dass sich von Marokko nach Spanien aufmacht, 45 Menschen sitzen, die große Träume haben, von Europa, von der Zukunft. Doch sie erleiden ein schier unglaubliches Martyrium. Wie die Geschichte entstanden ist? Krahe und Moreno erzählen:

"Am 10. Juni 2008 lief über die Agenturen die Meldung, dass in Almería ein Schlauchboot angekommen sei. 48 Afrikaner hatten sich auf den Weg nach Europa gemacht, 15 von ihnen starben auf dem Meer, darunter acht Kinder. Cordt Schnibben, Ressortleiter des Gesellschaftsressorts des Spiegel, rief Juan Moreno an. Er bat ihn in Spanien ein wenig herumzutelefonieren und mehr herauszufinden, als in den Agenturen stand. Moreno sprach mit einigen spanischen Kollegen, die ihm sagten, dass dieser Fall sehr ungewöhnlich sei. Man sei gewöhnt, dass entkräftete Afrikaner nach einer schlimmen Überfahrt Spanien erreichten, aber so einen dramatischen Fall habe man noch nie erlebt. Der Chef des Roten Kreuzes in Almería sagte: "Das ist das Schlimmste, das Traurigste, was ich jemals gesehen habe."

Wir haben dann knapp zwei Monate meist unabhängig voneinander recherchiert. In Almería, einer Hafenstadt in Südspanien, wo die Flüchtlinge an Land kamen, Puente Genil, Córdoba, dem späteren Aufenthaltsort der Protagonistin, im Hafen von Alicante, dem Heimathafen des Skippers, der die Flüchtlinge fand, in Oujda, Marokko, wo einer der Väter lebt und auf seine Überfahrt hofft, in Nigeria, um die Mutter der Protagonistin zu suchen und herauszufinden, welche Lebensumstände Blessing Okunorobo dazu getrieben haben, nach Europa aufzubrechen.

Der Fall war in Spanien eine Sensation. So viele tote Kinder auf einem Schlauchboot hatte es noch nie gegeben. Der größte Radiosender machte eine Sondersendung, Duzende von Journalisten versuchten, an die Überlebenden zu kommen, kaum ein Leitartikler, der nicht zu der Geschichte eine Meinung hatte.

Aber die spanischen Behörden schotteten die Frauen und Männer aus dem Boot ab. In den Krankenhäusern wurden Polizeiwachen postiert, der Aufenthaltsort derjenigen, die nicht ins Krankenhaus mussten, wurde geheim gehalten. Es dauerte Tage, bis Juan herausfinden konnte, wohin man die Überlebenden gebracht hatte. Die Menschen waren illegal nach Spanien eingereist. Entsprechend wurde verfahren. Die Männer kamen in ein Abschiebegefängnis nach Algeciras, die Frauen in ein Frauenhaus in der Provinz Córdoba, das nicht besucht werden durfte.

Einen offiziellen Weg, unsere Protagonisten zu treffen, gab es also nicht. Man hatte die Anfrage noch nicht ausformuliert, da sagten die offiziellen Stellen schon, dass man auf keinen Fall erlauben werde, mit den Frauen und Männern zu sprechen.

Es gab also nur einen inoffiziellen Weg. Wir fragten beim Roten Kreuz an, ob wir mit einigen der Pfleger sprechen könnten, die an dem Abend die Flüchtlinge in Empfang genommen hatten. Das Rote Kreuz in Almería willigte ein. Für eine möglichste genau Rekonstruktion des Abends war das sicher sinnvoll, aber um zu verstehen, was auf dem Boot passiert war, mussten wir mit den Überlebenden sprechen.

Der zweite Schritt war - zugegeben - berechnend: Wir gewannen das Vertrauen einer Mitarbeiterin des Roten Kreuzes, einer wunderbaren, jungen Frau, die selbst noch immer illegal in Spanien lebt und die in ihrer freien Zeit für das Rote Kreuz arbeitet und dort Flüchtlinge betreut. Niemand weiß besser sie, wie sich diese Menschen fühlen.

Sie war es, die uns sagte, wohin man die Flüchtlinge gebracht hatte. Sie war es schließlich auch, die ihren Vorgesetzen unter fadenscheinigen Gründen dazu brachte, ihren Einsatzplan so zu verändern, dass sie einen Krankentransport nach Córdoba machen konnte. Dort traf sie auf die Frauen, die sie damals im Hafen von Almería betreut hatte. Die Frauen erkannten sie sofort wieder. Ohne die Helferin des Roten Kreuzes wäre die Geschichte nie in dieser Form erschienen. Sie fuhr noch ein weiteres Mal in das Frauenhaus nach Córdoba wieder ohne uns beiden und fragte die Frauen, ob sie bereit wären, mit uns zu sprechen. Beim dritten Treffen konnten wir mitkommen.

Wir hatten Glück. Die Behörden haben nie davon erfahren. Sie hätten diese Interviews niemals erlaubt.

Nachdem wir mit vier der Frauen gesprochen hatten, ergab sich der Rest ziemlich schnell. Blessing Okunorobo gab uns die Nummer Ihres Mannes in Marokko, der noch auf die Überfahrt wartete, und den Namen des nigerianischen Dorfes, in dem ihre Mutter lebt. Vor dem Gesprächen mit den verschiedenen Frauen hatten wir uns Fragen überlegt, die wir ihnen unabhängig voneinander stellen würden, auch, um den Wahrheitsgehalt der Aussagen zu überprüfen. Wir wollten sicherstellen, dass alle wichtigen Informationen doppelt bestätigt waren.´

Warum wir diesen Anfang gewählt haben? Nun, das Telefonat zwischen Blessing und ihrem Mann, in dem er erfährt, dass seine beiden Söhne tot sind, ist das Ende der Reise einer Reise, die voller Hoffnung vor fünf Jahren begann, und die sich im Lauf der Zeit immer mehr zu einem Albtraum entwickelt hat. Die Beschwerlichkeit, nach Marokko zu kommen, die Jahre im Flüchlingslager, die dramatische Überfahrt, der Tot der Kinder. Alles kulminiert in diesem einen Telefonat. Das Ende einer Liebe in Afrika. Wenn es uns damit nicht gelingt, den Leser für diese Geschichte zu begeistern mit welchem Anfang sonst? Es ist ein wichtiges Thema und wir wollten, dass der Leser dranbleibt darum diese dramatische Szene. Ganz einfach.

Über die Voodoo-Szene am Ende kann man sich sicher streiten. Sie distanziert sich wieder von den Protagonisten, was schlecht sein kann. In diesem Fall haben wir uns trotzdem dafür entschieden, um am Ende zu zeigen: Dies ist kein Einzelfall, sondern eine unendliche Geschichte. Während die Protagonistin nur knapp überlebt und auf dieser Reise alles verloren hat, machen sich dort, wo sie einst aufbrach, die Nächsten auf den Weg. Ein unaufhörlicher Strom an Menschen und scheinbar keine Lösung für dieses Problem. Zudem zeigt die Szene, wie tief in manchen Gegenden in Afrika der Glaube verankert ist, ein Kind in Europa sei für eine Familie die einzige Chance auf ein besseres Leben.

Den privatesten und fürchterlichsten Moment im Leben einer Frau zu beschreiben, nämlich, den Moment, in dem ihre beiden Kinder sterben, ist keine leichte Aufgabe.

Es gibt gute Gründe, darüber nicht zu schreiben.

Und bessere es doch zu tun: Zum einen sind da zwei Kinder gestorben - und niemanden auf der Welt scheint das zu interessieren. Nicht die nigerianische Polizei, nicht die marokkanische, nicht die spanische. Es ist richtig, dass die Öffentlichkeit davon erfährt, dass da Kinder in einem Meer sterben, an deren Küste sie gern ihren Sommerurlaub betreiben.

Der zweite Grund: Es passiert jeden Tag. Jeden Tag. Seit Jahren. Darum die vielen Fakten. Es ist eine traurige Geschichte, aber das Schlimmste ist die Tatsache, wie exemplarisch sie ist. Darum das Aufziehen aufs große Ganze, das Hinweisen, dass es sich nicht um einen Einzelfall handelt, dass es Tausende von Okunorobo-Familien gibt.

Natürlich hat uns die Geschichte ziemlich mitgenommen. Wir in Europa haben keine Ahnung, was es bedeutet, alles riskieren zu müssen für ein klein bisschen Wohlstand. Diese Menschen sind bereit, ihre Kinder in Gefahr zu bringen, um ihnen ein besseres Leben zu ermöglichen. Kein Vater, keine Mutter auf der Welt tut so etwas, wenn er oder sie nicht verzweifelt ist. Das Schlimmste aber: Mag sein, dass diese Geschichte etwas dramatischer ist als andere, aber Tatsache ist: Jeden Tag könnte man so einen Text schreiben. Tag für Tag kommen Menschen wie Blessing in Almería, Fuenteventura oder Lampedusa an.“

Dialika Krahe und Juan Moreno



In einem kleinen Schlauchboot wollten 48 Afrikaner Europa erreichen. Die Sehnsucht nach einem besseren Leben verführt die Flüchtlinge zu immer riskanteren Überfahrten - doch selten endete ein Manöver so dramatisch. 15 Menschen starben, darunter 8 Kinder.

Das erste richtige Gespräch, das Blessing Okunorobo in Europa führte, war eigentlich kein Gespräch, denn für Gespräche braucht man Worte. Sie hatte ihr dunkelblaues Klapptelefon, sie hatte die Handynummer im Kopf, und sie hatte die Pflicht, ihren Mann anzurufen und ihm zu sagen, wo sie war. Und wo seine Söhne waren. Drei Tage hatte Blessing den Anruf hinausgezögert.

Felix war sofort dran. Er hatte Blessing seit Wochen nicht gesehen, seit sie eines Nachts verschwunden war.

"Wo sind meine Jungs?"

Felix Okunorobo, Flüchtling aus Benin City in Nigeria, wollte nur wissen, wo seine Frau die "Jungs" hingebracht hatte. Er rief sie immerzu "meine Jungs". My boys.

Blessing antwortete nicht. Sie ist eine schöne Frau. 26 Jahre alt, mit kurzen Haaren, feinen Narben im Gesicht und Augen, die nur erahnen lassen, was sie durchgemacht hat. Seit drei Tagen war sie in Europa. Fünf Jahre hatte sie gebraucht, um den Kontinent zu erreichen, auf dem es von allem im Überfluss gibt. Arbeit, Geld, Zukunft.

"Bless, ich habe dich gefragt, wo Farley und Joy sind!"

Blessing weinte.

(...)

Zurück

Dialika Krahe


Dialika Krahe, 26, beendete vor kurzem den 31. Lehrgang der Henri-Nannen-Journalistenschule in Hamburg. Während der Ausbildung an der Journalistenschule schrieb sie für den Spiegel, ZEITmagazinLeben und den Tagesspiegel in Berlin. Zuvor studierte sie Modejournalismus und Medienkommunikation und schrieb als freie Mitarbeiterin für das Hamburger Abendblatt. Sie arbeitet heute als freie Autorin in Hamburg.

Juan Moreno


Juan Moreno wurde am 6. Oktober 1972 in Huércal-Overa (Spanien) geboren. Er hat VWL in Konstanz, Florenz und Köln studiert. Nach dem Studium besuchte er die Deutsche Journalistenschule in München. Anschließend schrieb Moreno für die Süddeutsche Zeitung. Seit mehreren Jahren moderiert er eine Radiosendung beim Westdeutschen Rundfunk und eine politische Diskussionssendung bei Phoenix. Er schreibt regelmäßig für das Nachrichtenmagazin "Der Spiegel". Sein Roman "Cindy liebt mich nicht" wurde 2010 verfilmt.
Dokumente
Das Traumschiff (via Spiegel)

erschienen in:
Der Spiegel,
am 27.10.2008

 

Kommentare

Karess, 25.04.2016, 05:44 Uhr:

Heya i&;8127#m for the primary time here. I came across this board and I to find It truly useful & it helped me out a lot. I hope to provide one thing back and aid others such as you aided me.

Kommentar hinzufügen

* - Pflichtfeld

*


CAPTCHA-Bild zum Spam-Schutz
Wenn Sie das Wort nicht lesen können, bitte hier klicken.
*
*
Kontakt: Reporter Forum e.V. | Sierichstr. 171 | 22299 Hamburg