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22.06.17

Gern gelesen

Christoph Dieckmann „Der Spitzel und sein Dorf

Gedruckte Geschichten, in denen Mundart gesprochen wird, kommen nicht oft vor. Manuskriptfassungen von Geschichten mit Mundart dagegen öfter. Die Redakteure übersetzen das meistens ins Hochdeutsche, weil das, was da vor ihnen auf dem Schreibtisch liegt, häufig so unfassbar schlecht und falsch ist und weil es häufig auch eine fragwürdige Absicht verfolgt.

Diese Geschichte hier wurde gedruckt. 1997 in der "Zeit“, geschrieben hat sie Christoph Dieckmann, kaum ein Wort in ihr, das nicht Dialekt ist. Sie hält bis heute den Rekord auf diesem Gebiet.

Es wird nahezu nur geredet in diesem Text, wie in Theaterstücktexten, fast alles ist Dialog hier. Es wird vom Erzähler keine Szenerie entworfen, kaum etwas wird beschrieben, kein Ort, kein Gesicht, keine Tat. Alles, was beim Lesen Bilder im Kopf entwirft, sind gesprochene Worte. Und die Art und Weise, wie sie gesprochen werden. Sie schaffen es, das Selbstbewusstsein, das Selbstverständnis, die Selbstgewissheit der Figuren zu formen, sie machen sie stark und kraftvoll. Sie allein formen den Schauplatz der Geschichte, ein sachsen-anhaltinisches Dorf, das für sich selbst stehen soll und nicht für andere Orte irgendwo anders, dessen spezielles Stasi-Problem eben als spezielles auch geschildert wird, das nicht als Stellvertreter für andere ostdeutsche Dörfer herhält oder als Beleg für irgendein höheres, verallgemeinerbares Phänomen, für eine "zweite Ebene“. Dieckmann lässt einen seiner Helden sagen: "Jedes Jeschprochene is de Wahrheit.“

Und da soll es ja bestenfalls hingehen, in Richtung Wahrheit. Üblicherweise aber kommen Dialekte in Geschichten dann vor, wenn diejenigen, die sie sprechen, kleiner gemacht werden sollen als sie sind. Wenn Provinz abgegrenzt werden soll vom vermeintlich überlegenen Standort des Erzählers/Autors und dem von dessen Lesern. Das ist eitel, verzerrend, und man merkt es sofort. Keine Ahnung, warum, aber man merkt es.

Torsten Hampel



Die Reportage "Der Spitzel und sein Dorf" findet sich in Christoph Dieckmanns Buch "Das wahre Leben im falschen. Geschichten von ostdeutscher Identität".


Ostrau bei Halle hat abgestimmt: Der Stasi−Bürgermeister soll bleiben


Wir klingelten bei Heinz Tandel. Seine Lebensgefährtin öffnete.

Nach drei Worten flog uns die Glastür vors Haupt. Zu weiteren Versuchen ermunterte ein handgemaltes
Schild: "Inge's Bügelstube. Rufen Sie einfach an!"

Frau Hanke, warum sind Sie denn so herb? Sie kennen mich doch gar nicht.
Alsowissensewiesieaussehntotsicherpresse! De Bild, nur Scheiße über uns! Ooooh, heute binnich jeladen!
Mein Mann hat sich gleich weit fortjemacht, der jeht nich zu dieser Ratsversammlung. Inner Kneipe,
würdelos! Erst belöffeln se sich, und dann kommt's zur Schläjerei, näh näh.
Aber ich muß doch beide Seiten hören.

Da sinnse aber der erste. Also, morjen früh um zehn, da is Herr Tandel da.

Liebe Ostrauer, sagt der Ratsälteste Bommersbach. Sie sind sicher hergekommen in der Erwartung, daß hier Rede und Antwort gestellt werden kann. Leider hat der Bürgermeister Tandel also nicht hier irgendwie sein Erscheinen möglich machen können. Sein Stasi−Ding ist praktisch zum öffentlichen Erscheinen gekommen, weil Herr Tandel sich im öffentlichen Dienst beworben hat, und dort sind diese Mitarbeiter, die dort angestellt werden, sind dort geröntgt worden, und nu isser mit Husten offgefallen.

Die lieben Ostrauer − siebzig von elfhundert − sitzen in Manfred Mallons "Sportlerheim" und ertüchtigen sich zur sonntäglichen Abwahl ihres Bürgermeisters. Tandels Husten: ein dicker Hefter von der Gauck−Behörde, aus dem nun das Ratsmitglied Warrink vorstottert. Vorbereitet ist er nicht, aber aus dem Westen, Sandgrubenbesitzer. Tandels übertragene Aufgaben waren die Ermittlungstätigkeit, sagt Warrink. Heinz Tandel, geboren 1944, seit 1963 Stasi−Angestellter, seit 1969 hauptamtlicher Führungs−IM. Selbstgewählter Deckname: Cobra. 51 IMs angeleitet. Über 4000 Seiten Berichte: Lageeinschätzung in der Landwirtschaft, Störungen und Havarien, Äußerungen in der Bevölkerung, politische Einstellung, Wohngebietsermittlungen, Absicherung und Einschätzung von kirchlichen Veranstaltungen (Petersbergtreffen), was soll ich dat alles vorlesen. Drei Medaillen für treue Dienste in der NVA. Alle drei Urkunden tragen die Unterschrift Erich Mielkes, liest Warrink fließend und hebt bedeutend den Blick. Mielke, den kennt er.

Kaspertheater! Wiedersehn! − Der erste geht.

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Christoph Dieckmann


Christoph Dieckmann, geboren 1956 in Rathenow. Studium der Theologie in Leipzig und Ost-Berlin, Vikar. Bis zur Wende Arbeit beim DDR-Kirchenbund und Ökumenisch-Missionarischen Zentrum Berlin. Nach der Wende Kulturredakteur beim "Freitag", seit September 1991 bei der "ZEIT" - bis 2004 als politischer Redakteur, seither als Autor. 1992 Internationaler Publizistikpreis von Klagenfurt, 1993 Theodor-Wolff-Preis, 1994 Egon-Erwin-Kisch-Preis, 1996 Friedrich-Märker-Preis für Essayisten. Bis dato 10 Bücher, die zumeist im Ch. Links Verlag erschienen sind, zuletzt "Rückwärts immer. Deutsches Erinnern".
Dokumente
Der Spitzel und sein Dorf (pdf)

erschienen in:
Die ZEIT,
am 01.05.1997

 

Kommentare

Gert, 25.04.2016, 02:46 Uhr:

Didn't know the forum rules allowed such brinilalt posts.

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