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29.04.17

Prämierte Texte

Matthias Kalle „Das Ende der Unschuld

Mit diesem Text gewann der Autor den Axel-Springer-Preis 2001.

Das Geheimnis des Erfolges liegt in der Bratwurst. Wenn Matze jetzt keine Bratwurst isst, dann kann er den Abend gleich vergessen, denn dann kann er nicht genug Tequila trinken, und wenn er nicht genug Tequila trinkt, dann kann er die Reise nach Paris nicht gewinnen, und wenn er die Reise nach Paris nicht gewinnt, dann wird er heute Abend kein Held sein. Denn heute Abend, beim Dörmann-Zeltfest, wird er ein Held sein, wenn er diesen Tequila-Wettbewerb gewinnt, da ist sich Matze ganz sicher. Sein Freund Maryin sagt: "Bestell am besten gleich zwei. Doppelt hält besser." Aber Matze will nicht: ,Ne, dann muss ich echt kotzen." Dann lachen beide. "Zum Kotzen ist es noch zu früh", sagt Maryin. Und dann sagt Matze: "Stimmt. Gekotzt wird später. Dann aber richtig." ABSATZ Matze, 16, und Maryin, 17, stehen an der Bratwurstbude, und die Bratwurstbude steht vor dem Zelt, und das Zelt steht mitten im Nichts, auf dem Parkplatz der Gaststätte Dörmann, zwischen den Dörfern Gorspen-Vahlsen und Ilserheide, in der Nähe von Petershagen, bei Minden, am nördlichsten Zipfel von Ostwestfalen. Neben dem Zelt ist eine Kuhwiese, ein paar Meter weiter ein Friedhof, und wenn es Nacht wird, ist es hier finster und unheimlich. Aber einmal im Jahr fallen sie alle über diesen Ort her, die Jugendlichen aus den umliegenden Dörfern, denn einmal im Jahr veranstaltet Rolf Dörmann, dem die Gaststätte gehört, eine Party Jedes Jahr im Sommer stellt er ein Zelt, das so groß ist wie eine Turnhalle, auf seinen Parkplatz, lässt eine Band kommen und literweise Alkohol, und für eine Nacht tobt das Leben in dieser Gegend, in der es keinen Club, keine Bar, kein Kino, kein Restaurant, keine Spielothek, sondern nur einen Parkplatz neben einer Kuhwiese gibt. Und seit es dieses Zeltfest gibt, seit über sechzig Jahren, kommen sie alle zu Dörmann, denn sie wissen, dass hier immer am meisten passiert, dass hier immer die beste Musik spielt. Jeder, der hierher kommt, kennt natürlich Geschichten von damals: Als sich die Zigeuner einen Spaß machten und den Eintrittspreis zahlten, aber partout keinen Eintrittsstempel auf die Hand haben wollten, worauf sämtliche Türsteher sich die Gesichter der Zigeuner ganz genau einprägen mussten, und wehe einer brachte was durcheinander. Oder als einmal eine Prostituierte nur ein paar Meter vom Zelt entfernt ihren Wohnwagen parkte, um die Jungs zu empfangen, die wieder einmal kein Glück bei den Mädchen hatten. Oder als es noch die ,Free Eagles" gab, eine Rockerbande, deren Mitglieder stundenlang an der Theke standen und Bier tranken, bevor sie dann plötzlich, aus heiterem Himmel, das gesamte Zelt kurz und klein schlugen.

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Matthias Kalle


Matthias Kalle, Jahrgang 1975, war Redakteur bei "jetzt", Reporter beim "Tagesspiegel" und Entwicklungsredakteur bei "Neon" und Vanity Fair". Seit 2003 ist er mit kurzer Unterbrechung Chefredakteur von "zitty", so wie Autor beim "Tagesspiegel" und beim Magazin der "Zeit". 2001 gewann der den 2. Platz des Axel-Spinger-Preises, 2002 war er für den Egon-Erwin-Kisch-Preis nominiert. Sein Buch "Verzichten auf" erschien 2003 bei Kiepenheuer und Witsch.
Dokumente
Das Ende der Unschuld (PDF)

erschienen in:
Süddeutsche Zeitung / jetzt.de,
am 18.09.2000

 

Kommentare

Quiana, 25.04.2016, 10:30 Uhr:

Très bonne idée d’avoir posté ta Twitcam sur ton blog, pour celles qui, comme moi, n’ont pas pu la voir en direct !J#7r21&;espè8e être là à la prochaine (bientôt?), j’ai plein de questions à te poser moi aussi :)

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