Reporter Forum Logo

Gern gelesen

Henning Sußebach „Wo seid Ihr?

Reporter, so heißt es, sollen Grenzen überwinden, Mittler sein zu fremden Welten. Manche Reporter reisen, um diese fremden Welten zu entdecken, um den halben Globus. Henning Sußebach geht um die Ecke, trifft dort Flaschensammler, Yuppies vom Prenzlauer Berg – und eben behinderte Kinder. Vertraute Figuren, und doch – wenn man ganz ehrlich ist – sind sie einem fremd. Wer weiß schon wirklich, wie ein Flaschensammler bei seiner „Arbeit? vorgeht, wo er sich wäscht, wie er sein Revier absteckt? Wer hat je mit Behinderten gesprochen, mit ihren Eltern – darüber, dass ihr Kind nie erwachsen werden wird? Henning Sußebach sucht diese Gespräche.

„Wo seid ihr?? hat einen sehr persönlichen Aufhänger: Sußebach findet ein Fotoalbum aus seiner Zivi-Zeit, fragt sich, was mit den Kindern, die zu seinen Kindern wurden, geworden ist. Trotzdem trieft das Stück nicht vor Mitleid – viele Sozialreportagen haben den Hang dazu. Spätestens der dritte Abschnitt endet mit einem Satz namens „Denn XXX ist behindert.? Sußebach schreibt mitfühlend, nicht mitleidend. Oft kann man sogar herzlich mit den Behinderten lachen, aber nicht über sie.

Was mir aber vor allem imponiert an diesem Stück, sind diese wunderbaren, kleinen Beobachtungen, die so viel klar machen, die haften bleiben – auch, weil sie so schnörkellos aufgeschrieben sind. Sußebach beschreibt das erste „Kind?, das er trifft: „Thomas, der damals so viel verteilte, Küsse, Rotz und Trotz. Der so sehr stotterte, dass er lieber in Zärtlichkeiten sprach.? Michaela, das nächste Kind, trifft er bei VW in Bochum: „Es geht, in der Werkstatt wie in ihrem Heim, um die Imitation von Normalität. Arbeiten, einkaufen, lieben, auch das. An den Wochenenden schläft Thorsten bei ihr, der Mann aus „Wohngruppe Grün? bei der Frau aus „Wohngruppe Gelb?. Ein Arzt hat Michaela ein streichholzgroßes Hormonstäbchen in den Arm geschoben, das den Eisprung verhindert. Und ganz am Ende des Textes trifft Sußebach Thomas’ Eltern. „Sehr spät hob die Mutter den Sohn aus den Tiefen des Kinderwagens in den Buggy, diesen Präsentierteller elterlichen Stolzes.?

Ich habe noch viel mehr Sätze dieser Reportage im Kopf behalten, weil sie so klar und so einleuchtend – vielleicht auch so magisch waren. Und genau diese Beobachtungen führen in eine fremde Welt – und machen tolle Reportagen aus.

Katharina Beckmann

Zurück

Henning Sußebach


Henning Sußebach wurde geboren 1972 in Bochum. Studium der Journalistik an der Universität Dortmund, von 1995 bis 1997 Volontär bei der Berliner Zeitung, von 1998 bis 2001 Redakteur bei derselben. Seit 2001 Redakteur der ZEIT. 2006 und 2007 ausgezeichnet mit dem Henri Nannen Preis.
erschienen in:
Die ZEIT,
am 18.10.2007

 

Kontakt: Reporter Forum e.V. | Sierichstr. 171 | 22299 Hamburg