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Prämierte Texte

Roland Schulz „Der Sekundant

Mit diesem Text gewann der Autor den Axel-Springer-Preis 2004.

Die Zeit vor dem Kampf, unmittelbar davor, wenn die Minuten plötzlich so kurz sind und die Sekunden plötzlich so lang, diese Zeit, sagt er, die sei die schönste. Wenn sich der Kampf gerade ankündigt, durch das Klopfen an der Tür, zwei Minuten noch, wenn darauf die Stille die Kabine überflutet und jedes Wort erstirbt, wenn der Kämpfer, heiß und die Haut schon schweißnass, seinen Mantel überzieht, noch schnell zwei, drei Fäuste schlägt, den Atem tief einsaugt und schließlich im Kreis geht wie ein gefangenes Tier, wartend. Wenn die Zeit sich staucht. Eine Minute noch, ein Wimpernschlag. Wenn die Zeit sich dehnt. 30 Sekunden noch, eine Ewigkeit. Er sagt: Es gibt die Worte nicht, diese Zeit zu beschreiben. Eine Zeit, die sich der reichste Mann der Welt für kein Geld der Welt kaufen könnte.

Dennie Mancini kommt aus einer Boxer-Familie. Boxer der Onkel, Boxer der Cousin, Tony, ehedem britischer Vizemeister, Boxer der Vater, der Bruder und auch er selbst, von klein auf. Bis zu jenem Tag, als er aus dummem Anlass nicht im Ring, sondern auf einer Straße Londons kämpfte, sich die Hand brach, alle Kraft in ihr verlor, aufhören musste. Er war 23. Den Kampf hatte er gewonnen.

Seit jener Zeit arbeitet Mancini als Cutman. So werden im Profi-Boxen diejenigen genannt, die dafür sorgen, dass die Boxer weiterkämpfen können, wenn ihnen die Nase blutet oder das Auge schwillt: Cutmen flicken Boxer in den Pausen eines Kampfes wieder zusammen. Dennie Mancini, 68 Jahre alt, ist der beste Cutman Europas, wenn nicht gar der Welt, so heißt es — das deutsche Fachmagazin Boxsport behauptet es, der Verein der britischen Boxjournalisten, auch die Boxer selbst, von Henry Maske bis Sven Ottke. Mancini stand bei allen Kämpfen Maskes in dessen Ringecke, bei allen Kämpfen von Axel Schulz, und er tut dies bis heute bei allen Kämpfen Ottkes. Aber er ist der Meinung, dass all diese Menschen keine Ahnung haben: »Ich bin vielleicht ganz fähig«, sagt er, »aber nicht der Beste.« Noch Bessere habe es gegeben, Denny Holland, Al Phillips, Denny Weary, ja vielleicht sogar Willie Ketchum, den Gangster. Seine Lehrer. Alle tot. Auch schätzt Mancini es nicht, als Cutman bezeichnet zu werden. Er sieht sich als Sekundant, so und nicht anders möchte er genannt werden: Sekundant. Weil er sich nicht allein um die Wunden der Boxer kümmere, sondern auch um ihr gesamtes Wohl. Weil er ihre Fäuste vor dem Kampf mit Mull und Klebeband zu Waffen bindet und ihnen diese Waffen danach wieder von der Hand schneidet, weil er die Kämpfer im Ring anschreit und vor dem Kampf mit ihnen schweigt. Weil er alles macht, damit sie kämpfen können.


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Roland Schulz


Roland Schulz, geboren 1976, besuchte die Deutsche Journalistenschule in München. Er arbeitet für "Geo" und "mare" sowie die "Süddeutsche Zeitung". Axel-Springer-Preis 2004.
Dokumente
Der Sekundant (PDF)

erschienen in:
Die ZEIT,
am 12.06.2003

 

Kommentare

Marden, 25.04.2016, 09:51 Uhr:

Serge, please find me one biologist that does not not classify homo sapians as omnivores. It’s an established clofnisicatias.If you feed an alligator only spinach, the alligator is still a carnivore. The terms carnivore, omnivore and herbivore do not reflect dietary preference of individuals but are rather cut and dried classifications, of which there is zero controversy in the scientific realm when it comes to humans.

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