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24.11.17

Rico Czerwinski „Warum geht sie auf den Strich?

Mit diesem Text gewann der Autor den Axel-Springer-Preis 2002.

Was Kerstin wirklich stört, sind die Kinder. Sie hört das Kichern, bevor sie sie sehen kann, bevor die Dämmerung sie ihr vor die Füße spuckt, aus einem dunklen Winkel der Straße, aus einem Hauseingang oder Baumschatten. Bevor die Kinder mit ihrem Kriegstanz beginnen, ihren Beschimpfungen und höhnischen Angeboten. Das Kichern verfolgt sie, sie schließt ihre Augen und denkt, dass im Endeffekt kein Mensch auf der Welt einen anderen genau kennt und dass diese Jungs höchstens elf oder zwölf sind und sich die "Dreckshure", die "Schlampe" und den Rest ja nicht ausgedacht haben. Sie denkt an die Leute hinter den Gardinen, die Leute auf den Balkonen, die den ganzen Tag nur Mädchen sehen, die ihre Brüste in jedes Autofenster halten. Mädchen mit toten Augen, die Spritzen und Kondome zwischen Spielplatz-Schaukeln und Klettergerüste werfen, und Kerstin denkt, dass sie die Leute versteht. Dass sie genauso dächte an deren Stelle. Und dass sie sich irren, in ihrem Fall.

Sie steht im Flur einer morgenhellen Drei-Zimmer-Wohnung und spricht trotz der frühen Stunde schon sehr aufgeregt und schnell, was am Thema liegt, einerseits. Betont, dass sie nicht für einen Zuhälter arbeitet und dass sie nicht fixt. Dass sie eine Familie versorgt, es nicht mit jedem macht und nicht zu jedem Preis, dass Küssen, "ohne Gummi" und Vergewaltigungsspiele kein Thema sind bei ihr, dass sie einfach Geld verdient auf der Frobenstraße in Berlin und man sie verletzt, wenn man sagt, dass sie eine Hure ist: "Ich bin keine Hure und auch keine Nutte und keine Schlampe!" Kerstin heißt nicht Kerstin, denn in diesem Teil ihrer Welt hat man es nicht gern, beim Namen genannt zu werden. Sie findet, dass das Schimpfwörter sind, und "Prostituierte" hört sich auch nicht gut an, so von oben herab. Sie weiß auch gar nicht, was an dieser Haltung ungewöhnlich ist, ,Sara, Meike und ein paar andere sehen das genau wie ich. Die Anständigen, mit Familie." Ein Job wie jeder andere auch Der zweite Grund zur Aufregung steht vor ihr und will jetzt sofort angezogen, gefüttert, geküsst werden. Ein Kind, ein Junge, noch nicht ein Jahr alt, und weiter hinten kommt noch einer aus dem Bad, verschwindet schüchtern in der Küche. Kerstin fasst noch mal schnell zusammen: Dass man sie nicht vergleichen kann mit den "anderen Weibern von der Froben", dass sie als Kellnerin auch angebaggert würde und ihr die Männer auch Trinkgeld gäben und Angebote machten und sie nach der Arbeit treffen wollten, dass das "im Endeffekt aufs Selbe" rauskäme und sie also einen Job habe "wie jede andere auch", und dann muss Martin in den Kindergarten, und das ist nun eine wirklich anstrengende Sache.

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Rico Czerwinski


Rico Czerwinski (geb. 1976), schrieb während seines Politikstudiums in Göttingen und Genf Reportagen für den Stern, die taz und den Spiegel-Reporter. Wurde beim Tagesspiegel in Berlin ausgebildet und arbeitet seit 2002 als Redakteur bei Das Magazin, Zürich. Axel-Springer-Preis, Zürcher Journalistenpreis und EMMA-Männerpreis.
Dokumente
Warum geht sie auf den Strich (PDF)

erschienen in:
###ARTICLE_PUBLISHER###,
am 07.10.2001

 

Kommentare

Smiley, 25.04.2016, 06:24 Uhr:

salam aleykoum je suis du nord de la france je voudrais que vous m’aidez a trouver un travaille je ne veux pas être riche mais travailler pour mériter l&qgruo;arsent baraka allaho fik

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