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Christian Unger „You Spaghetti!

Der amerikanische Journalist Jon Franklin hat legendäre Reportagen geschrieben - und eines der in den USA meistgelesenen Reportagelehrbücher: "Writing for Story". Alles entscheidend für die Kraft einer Geschichte, so Franklin, ist die dramatische Struktur, ist das archaische Prinzip des Erzählens, dass sich seit Homer nicht verändert hat: Ein Held, eine Heldin wird konfrontiert mit einem Problem, ringt, kämpft - und siegt oder geht unter. Diese Gliederung: Konflikt, Handlung, Lösung ist das Gerüst, an dem alles andere hängt. Aus dem alles weitere folgt. Was? Christian Unger hat es für das Reporter-Forum notiert.

Wir ergänzen die Buchbesprechung um Franklins bekannteste Reportage, "Mrs. Kelley's Monster", für die er 1979 einen Pulitzer-Preis gewann. Ein Hirnchirurg versucht, einen Tumor zu entfernen. Er scheitert. Die Patientin stirbt. Letzter Satz des Textes: "The monster won."

Überhaupt, sagt Franklin im Interview mit dem dänischen Reporter Ole Soennichsen, sei der letzte Satz einer Reportage wichtiger als deren erster Satz. Im Interview erzählt Franklin, welche Reportagen sich für Anfänger eignen, warum es Selbstmord ist, seine Geschichten nicht zu gliedern, sondern einfach draufloszuschreiben, warum Reportagen über Institutionen scheitern müssen, und warum er Zitate nicht mag:

"I hardly ever use quotes. I use dialogue, but that's different. The reader is no dummy. When the reporter stands there with his notebook and asks the subject a question and then quotes him, that quote is the answer to the reporter. In this way the reporter is entering the story. What a good narrative journalist will do is sit down and ask people, "well, what did you do and what happened then and what happened then, what did they do and what did you do in response to that."

Der größte Fehler eines jungen Reporters ist seine Vorstellung, ein Künstler zu sein. Was zählt, ist das Hahndwerk, sagt der vielfach preisgekrönte amerikanische Reporter und Reportagelehrer Jon Franklin. In seinem Buch "Writing for Story“ zeigt er, wie man dieses Handwerk lernen kann. Christian Unger hat das Buch für das Reporter-Forum gelesen.

Jon Franklin analysiert und strukturiert. Der Kunst, der regellosen Inspiration vertraut er nicht. Stattdessen vertraut er Schemen, den Regeln der Sprache und den Prinzipien des Erzählens. Und nur so, sagt Franklin, schreibt er Geschichten, die einen Pulitzer Preis gewinnen. Jon Franklins Buch "Writing for Story“ liest sich wie eine Anleitung zum Zusammenbauen eines Möbelstücks. Von der groben Skizze über den richtigen Einsatz von Hammer und Säge bis zum Feinschliff. Seitengenau getaktet. Alles "step-by-step“. Franklin ist Handwerker — nicht nur wenn er Geschichten erzählt, sondern auch wenn er Lehrbücher schreibt.

Kurzgeschichten sind die beste Schule für große Reporter. Truman Capote, Tom Wolfe und John McPhee übernahmen für ihre Reportagen Erzähltechniken der "Nonfiction“. Denn diese orientieren sich an dem Aufbau eines klassischen Dramas: Erst beginnt der Konflikt, dann entwickelt er sich, und am Ende löst er sich auf. Franklin schreibt von: complication — body of story — resolution.
"Writing for Story“ ist also keine Stilfiebel, Franklin durchwühlt weder die Felder der Grammatik noch den Wortwald. Er konzentriert sich auf die drei Aspekte klassischer Dramaturgie. "Craft Secrets“ nennt Franklin sie, die Geheimnisse des Handwerks, und klingt dabei untypisch mystisch.


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Christian Unger


Christian Unger, geboren 1981 in Hamburg, studierte Geschichte, Politik und Osteuropastudien in Hamburg und Prag. Als freier Autor hat er unter anderem für die Prager Zeitung und die taz geschrieben. Er arbeitet als Redakteur bei der Zeitschrift "zenith". Ab Sommer besucht er die Springer-Journalistenschule und volontiert beim Hamburger Abendblatt.
Dokumente
Chistian Unger über "Writing For Story" (pdf)
Jon Franklin: Mrs. Kelly's Monster (pdf)
Ole Soennichsens Interview mit Jon Franklin (pdf)

erschienen in:
Reporter-Forum,
am 10.11.2008

 

Kontakt: Reporter Forum e.V. | Sierichstr. 171 | 22299 Hamburg