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23.07.17

Bücher

Michael Finkel „Wenn Reporter lügen

Wenn Reporter lügen

Michael Finkel war jung, und er war ein Star: Er schrieb lange, aufregende Reportagen für das New York Times Magazine. Dann sollte er über Kinder-Sklaven auf westafrikanischen Kakaoplantagen berichten. Eine sexy Geschichte, vermeintlich, viele Medien haben sie damals gebracht: Unsere Schokolade wird bezahlt mit ihrem Blut. Finkel recherchierte, unterstützt von einer wohltätigen Organisation aus Mali. Doch seine Interviewpartner erzählten merkwürdig gleich lautende Geschichten. Schließlich bat Finkel einen Jungen, der ihm von Auspeitschungen berichtete, seinen Rücken zu zeigen. Nicht eine einzige Narbe.

Zurück in den USA schlug Finkel seiner Redakteurin vor, eine Mediengeschichte zu schreiben. Eine komplexe Geschichte darüber, wie TV-Sender und korrupte Helfer sich unsere Vorstellungen von der Welt zu Nutze machen - zu ihrem Vorteil.

Klar, das ist nicht sexy. Nicht emotional. Die Redakteurin beharrte auf einer Reportage. Auf Personalisierung. Auf EINER Hauptperson.

Und Finkel gab nach. Er stand unter Zeitdruck, er futterte Amphetamine und haute ein geniales Porträt heraus, es heißt "Is Youssouf Malé A Slave?“, eine Titelgeschichte. Allein, es gibt diesen Youssouf Malé nicht. Finkel hat ihn erfunden, komponiert aus verschiedenen echten Jungen, mit denen er gesprochen hatte.

"I thought I'd get away with it. I was writing about impoverished, illiterate teenagers in the jungles of West Africa. Who would be able to determine that my main character didn't exist?"

Viele Reporter haben die Versuchung gespürt, etwas dazu zu erfinden, wenn es ihre Story aufpeppt. Gerade wenn sie in exotischen Ländern spielt. So mancher Reporter wird dieser Versuchung nachgegeben haben - und hatte Glück. Finkel aber fliegt auf, sein Betrug wird entdeckt. Umgehend wird er gefeuert. In einer "Editor’s Note“ vom 21. Februar 2002 fällt die New York Times sein berufliches Todesurteil.

Im nächsten Beitrag auf unserer Website singt der amerikanische Reporter Jon Franklin das Loblied der Personalisierung. Wiederholt den Imperativ, dass starke Geschichten starke Charaktere brauchen. Doch das zwanghafte Zurechtköcheln eines jeden Themas auf eine Reportage mit einer starken Hauptperson hat Grenzen. Der Fall Finkel zeigt sie. Manchmal gibt es das Material einfach nicht her. Manchmal ist es besser, keine Reportage zu schreiben. Dem Druck des Redakteurs und der etablierten Erzählmuster nicht zu folgen, "not to follow established narratives, to ignore powerful tales of good and evil.“

Die Affäre Finkel hat ein zweites Kapitel. Just als Michael Finkels Betrug auffliegt, erfährt er, dass sich ein Mann namens Christian Longo, der soeben seine Frau und seine drei Kinder ermordet hat, als der Reporter Michael Finkel ausgibt.

Was für eine Geschichte!

Michael Finkel hat ihren Wert natürlich gleich erkannt und aufgeschrieben in dem Buch "True Story“. Ein Jahr lang, bis zu dessen Hinrichtung, befragt er immer wieder Longo, verquickt seinen und dessen Fall in einer süffigen, turbulenten, sehr gut lesbaren Geschichte, die demnächst wohl verfilmt wird; 500.000 Dollar hat er daran verdient.  

Finkel: “As much as I’d like to deny it, the truth is that I saw some of myself in Longo. The flawed parts of my character — the runaway egotism, the capacity to deceive — were mirrored in him. … I had a vague sense that the beginnings of my redemption, both professional and personal, might somehow lie with Longo…if I were able to be truthful with Longo — an accused murderer and a possible con man; a person who might easily forgive deceit — then I’d demonstrate, at least to myself, that I had moved beyond the dishonest behavior that had cost me my job.”


Bitte lesen Sie eine kurze Kostprobe aus Finkels Buch, anbei als pdf.

Lesen Sie Finkels beste Reportage, "Desperate Passage", über die dramatische, lebensgefährliche Überfahrt haitianischer Flüchtlinge in die USA; Finkel und sein Fotograf fuhren mit auf einem der Seelenverkäufer und wären fast ersoffen.

Der amerikanische Autor Jesse Sunenblick gibt in seinem Artikel "Straight Story, Curved Universe" einen Überblick über die Affäre Michael Finkel, wir entnehmen ihn der Columbia Review of Journalism.

Hören Sie Michael Finkel hier im Interview mit der BBC.

Inzwischen ist Finkel rehabilitiert, er schreibt für National Geographic. Ist das rechtens?, fragt ein Artikel im Internetmagazin Slate.


Ariel Hauptmeier

This is a true story. Sometimes -- pretty much all the time -- I wish that parts of this story weren't true, but the whole thing is. I feel the need to emphasize this truthfulness, right here at the start, for two reasons. The first is that a few of the coincidences in this account may seem beyond the bounds of probability, and I'd like to affirm that everything herein, to the best of my abilities, has been accurately reported: Every quote, every description, every detail was gathered by me either through personal observation, an interview, a letter, a police report, or evidence presented in a court of law. No names have been changed, no identifying specifics altered. Anything I did not feel certain of, I left out.

The second reason is painful for me to admit. The second reason I am making such an overt declaration of honesty is that, relatively recently, I was fired from one of the more prestigious journalism jobs in the world -- writer for the New York Times Magazine -- for passing off as true a story that was, instead, a deceptive blend of fact and fiction.


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Michael Finkel


Michael Finkel, Jahrgang 1968, hat für Skiing, Atlantic Monthly, Rolling Stone, Esquire und das New York Times Magazine geschrieben, ehe er dort wegen eines halbfiktionalen Artikels 2002 gefeuert wurde. Sein Buch "True Story. Murder, Memoir, Mea Culpa" erschien 2005. Heute schreibt er für National Geographic. Er lebt in Bozeman, Montana.
Dokumente
Auszug aus Michael Finkel: True Story (pdf)
Jesse Sunenblick: Straight Story, Curved Universe (pdf)

erschienen in:
Reporter-Forum,
am 10.11.2008

 

Kommentare

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Andrea, 09.08.2015, 13:15 Uhr:

Lieber Ariel, Du schreibst "Ein Jahr lang, bis zu dessen Hinrichtung...". Herr Longo ist aber nicht nach einem Jahr hingerichtet worden. Er lebt sogar immer noch.

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