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Prämierte Texte

Adam Soboczynski „Glänzende Zeiten

Mit diesem Text gewann Adam Soboczynski den Axel-Springer-Preis 2005.

Einem Klischee zufolge ist Deutschland ein ungeheuer sauberes Land. Einem zweiten Klischee zufolge wird es fast ausschließlich von Polinnen sauber gehalten. Das zweite Klischee stimmt. Ich habe es am eigenen Leibe erfahren, denn ich bin der Sohn einer polnischen Putzfrau, der Neffe putzender polnischer Tanten. Die ersten Schritte im ersehnten Wirtschaftswunderland wurden von polnischen Frauen auf Knien gemacht: Sie wischten und polierten, sie drangen mit ihren Händen in die dunklen, in die dreckigen Ecken der Republik. Dem Armenhaus Polens entkommen, putzten sich Polinnen einen tief ersehnten Wohlstand herbei.

Der Mythos der polnischen Putzfrau, der tief in das bundesrepublikanische Bewusstsein drang, hat einen wahren Kern: Seit Ende der siebziger Jahre kamen über eine Million polnische Aussiedler und Asylbewerber nach Deutschland. Manche, wie meine Familie, zog es in den tiefsten Westen: 1981 ließen wir uns in Koblenz nieder. Und seit unserer Ankunft ist Koblenz ein gutes Stück sauberer geworden, denn seither rückt meine Mutter mit Putzlappen, Glasreinigern und Wischmops der rheinischen Provinzstadt zuleibe: »Gerade in den ersten Jahren habe ich geputzt bis zum Umfallen. Es gab Zeiten, da hatte ich drei Putzstellen — auf einmal.« Morgens um halb fünf bohnerte und wienerte sie den Boden eines bekannten Papiertaschentuchherstellers. »Bis die letzte Ecke glänzte«, sagt sie nicht ohne Stolz. Dann eilte sie »im Galopp« nach Hause, um »euch Kinder zur Schule fertig zu machen«. Auf dem frühmorgendlichen Nachhauseweg, so gegen sieben, ging sie im Schlepptau mit zehn anderen Putzfrauen durchs »Kreuzchen«. Kreuzchen, eine Wohnblocksiedlung aus den Sechzigern in Koblenz-Neuendorf, ist das Synonym für jene »Parallelgesellschaft«, von der zurzeit so gerne die Rede ist. Türken basteln bis spät in die Nacht an tiefer gelegten Golfs, russlanddeutsche Halbstarke in Jogginganzügen spucken im Takt auf kotige Gehsteige, verwaiste Einkaufswagen hängen in den Büschen. Die Putzkolonne passierte allmorgendlich ein Schwerbehindertenwohnheim. Die Mongoloiden riefen ihnen frühmorgens schrill im Chor entgegen: »Die Putzfrauen sind da! Die Putzfrauen sind da!«, und pressten ihre Köpfe durch die Gitterstäbe des Eisenzauns.

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Adam Soboczynski


Adam Soboczynski ist Redakteur beim ZEITmagazin. Er wurde 1975 im polnischen Torun geboren und promovierte über Heinrich von Kleist. Nach einer längeren Zwischenstation im Rheinland hat es ihn vor ein paar Jahren wieder in den Osten, nach Berlin, verschlagen. 2005 erhielt er den Axel-Springer-Journalistenpreis. Er veröffentlichte zwei Bücher "Polski Tango" und "Die schonende Abwehr verliebter Frauen".
Dokumente
Glänzende Zeiten (pdf)

erschienen in:
Die ZEIT,
am 16.12.2004

 

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