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19.11.17

Theorie

Hilmar Schmundt / Stephan Porombka „Dandy, Diva, Outlaw

Markenreporter, Reportermarken

The New Journalism, ein Zauberwort für viele, auch in Deutschland. Damals, in den Sechzigern, waren die USA das Land der unbegrenzten stilistischen Möglichkeiten. Hier wucherten die wildesten Text-Experimente, Exzesse wie "The Elektric Kool-Aid Acid Test" und Artikel, die in wenigen Sekunden von null auf hundert beschleunigten: "There Goes (Varoom! Varoom!) That Kandy-Kolored (Thphhhhhh!) Tangerine-Flake Streamline Baby (Rahghhh!) Around the Bend (Brummmmmmmmmmmmmmm)". Was für ein Irrsinn.

Eine Reportage, im Bewusstseinsstrom geschrieben wie ein Roman von Virginia Woolf? Kein Problem, Tom Wolfe machte es vor. Studs Terkel erhob seine Radio-Interviews durch geschickte Montage zu einer Kunstform, Truman Capote traf sich zu endlosen Sitzungen mit einem Mörder, prägte sich die Gespräche ein, ohne sich Notizen zu machen, und formte das alles um in einen packenden Kriminalroman ("In Cold Blood"). Am klarsten brachte Mailer das ganze Spektakel auf den Punkt - mit seinem Buchtitel: "Advertisements for Myself".

Woher aber kam die Energie für diese Kambrische Explosion der Stilformen? Klar, die Gesellschaft war im Aufbruch, Woodstock, Vietnam, geschenkt. Aber ein zweiter Kraftquell wird dabei oft übersehen: Reporter wurden plötzlich zu Marken. Das hatte es zwar schon vorher gegeben, man denke nur an Hemingway, oder natürlich an Mark Twain, oft im weißem Anzug wie später Tom Wolfe. Aber in den Sechziger Jahren bot der rasch expandierende Magazinmarkt plötzlich einem ganzen Dutzend Egozentrikern ein Forum. In einer unübersichtlichen Medienwelt verlangten die Lesekunden vielleicht nach wiedererkennbaren Reportermarken und Markenreportern, und kaum ein Magazin, das sich nicht mit einem durchgeknallten Reporter at Large schmückte, wie früher vielleicht Fürstenhöfe mit exotischen Tieren.

Etliche Autoren entwickelten neben stilistischen Extravaganzen auch autobiografische Selbstinszenierungen. Das lässt sich beispielhaft zeigen anhand von drei global bekannten Medienmarken: Tom Wolfe mit seinem Dandy-Anzug, Hunter Thompson, eine Art Gegen-Wolfe als Dandy in der Geschmacksrichtung Gonzo, und natürlich la Didion, die hypersensible Diva mit Neigung zu kassandroiden Vorahnungen. Jede dieser Reportermarken fand ihre Kunden auf dem Marktplatz der Ideen  und Artikel. In Deutschland dagegen war derlei damals verpönt, obwohl doch eigentlich Egon Erwin Kisch ein früher Vorläufer der dandyhaften Selbstinszenierung war, als kettenrauchender "Rasender Reporter" auf dem "Marktplatz der Sensationen".

Preisfrage: Wie heißen die globalen Reportermarken von heute? Und wieso scheint der Markt von heute sie nicht zu brauchen?

Hilmar Schmundt


Wir entnehmen den Text mit freundlicher Genehmigung dem Buch:
Bleicher, Joan Kristin / Pörksen, Bernhard (Hg.).:
"Grenzgänger. Formen des New Journalism",
VS Verlag für Sozialwissenschaften 2004.



Die Inszenierungen des New Journalism

Having, at the age of twenty-five, broken away from the pack, I lived with a swollen sense of importance.
(Norman Mailer)

1. Der elektrifizierte Dandy: Tom Wolfe

Selbst dort, wo der Putz von der Decke bröckelt und die Leitungsrohre rostig sind, taucht er in seinem hochempfindlichen cremefarbenen Anzug auf. Er hat ihn immer getragen, er wird ihn immer tragen, also trägt er ihn auch jetzt, zur Lesung im Berliner Tacheles, einem wirklich heruntergekommenen Kulturzentrum, das wirklich heruntergekommen aussehen will — aus ästhetischen Gründen, versteht sich, Berlin pflegt in den letzten Monaten des Jahrhunderts noch die Aura des Vorläufigen und des Experimentellen, das Tacheles bringt es auf den Punkt.

Wie wunderbar konträr passt da einer in die kaputte Szenerie, der teurer, edler und perfekter kaum angezogen sein könnte — ebenfalls aus ästhetischen Gründen, Tom Wolfe pflegt auch in seinem achtundsechzigsten Lebensjahr noch die Aura des Dandys, an dessen Glätte nichts vom Drumherum haften bleiben kann. Am Anzug nicht und nicht an den Edel-Schuhen mit zweifarbigem Ledereinsatz, nicht am feinen weißen Hemd, nicht am Einstecktuch aus Seide und schon gar nicht am frisch frisierten Kopf, um den eine Wolke von Haarspray und Eau de Cologne schwebt.


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Hilmar Schmundt


Hilmar Schmundt ist Wissenschaftsredakteur beim Spiegel und lebt in Berlin. 2005 wurde er mit dem Preis für Wissenschaftsjournalismus der Deutschen Akademie der Technikwissenschaften ausgezeichnet, sowie mit dem "Pons-Preis für kreative Wortschöpfer". Sein Buch "Hightechmärchen" wurde 2003 von Bild der Wissenschaft ausgezeichnet als "Buch des Jahres". Im Reporterforum stellt er unter der Rubrik "Laborberichte" Reportagen aus der wunderbaren Welt der Wissenschaft vor.

Stephan Porombka


Stephan Porombka, Jahrgang 1967, ist Professor für Literatur und Kulturjournalismus an der Universität Hildesheim.
Dokumente
Stephan Porombka / Hilmar Schmundt: "Dandy, Diva, Outlaw" (pdf)

erschienen in:
Grenzgänger: Formen des New Journalism,
am 01.01.2004

 

Kommentare

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