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23.04.17

Gern gelesen

Erwin Koch „Sein ist die Rache

Vor 20 Jahren hat Erwin Koch seinen ersten Kisch-Preis gewonnen und schreibt bis heute mit gleicher, unverwechselbarer Brillanz. Kürzlich hat er in einem ZEIT-Dossier den Fluglotsenmörder vom Bodensee porträtiert, Vitali Kalojew, wir haben die Geschichte sehr gern gelesen und Erwin Koch gebeten, uns ein wenig zu erzählen über das "Making of“:

"Über Kalojew zu schreiben beschloss ich, nachdem ich Ende Januar 2008 hier in meiner kleinen Luzerner Lokalzeitung las, der Mann, Ossete des Jahres 2007, sei in seiner Heimat zum stellvertretenden Bauminister ernannt worden. Ich ging nicht dorthin, um ihm schon wieder die Frage zu bestellen, ob er endlich bereue, sondern um seinen Alltag als Ikone wider die vermeintliche Arroganz des Westens zu beschreiben. Deshalb wollte ich unbedingt auch mit einem seiner Vorgesetzten reden, am liebsten mit dem Staatspräsidenten. Wollte Kalojew auch bei der Arbeit begleiten. Aber plötzlich war Krieg.

Kalojew holte uns im Dienstwagen am Flughafen ab, brachte uns, die Dolmetscherin und mich, zu sich nach Hause, wo er für uns ein eigentliches Begrüssungsgelage veranstaltete, mit Speisen, die zwei seiner Schwestern zubereitet hatten. Der nordossetische Staatspräsident Mamsurow hätte uns gern auch zu einem Gespräch empfangen, wäre er nicht gerade im Urlaub gewesen. Der Präsident wies dann Kalojewes Vorgesetzten, den Bauminister, an, uns zu empfangen, was der auch am ersten Abend unseres Besuchs im Regierungsgebäude am Platz der Freiheit tat. Und Kalojow sehr lobte.

Am folgenden Tag stand ein Besuch auf dem Friedhof an, ein Gang durch die Stadt, am Abend schliesslich ein langes ausführliches Gespräch mit Kalojew in seiner Küche.

Und dann, in jener Nacht, begann der Krieg in Südossetien. Kalojew war den ganzen Freitag abwesend, kam am Abend erst zurück, und am folgenden Tag, wie im Text beschrieben, zog er in den Krieg, kam um Mitternacht, sehr glücklich, erst zurück. Und wieder am folgenden Tag, einem Sonntag, obwohl Kalojew wusste, dass wir an diesem Tag nach Moskau zurückfliegen würden, fuhr er wieder los, in den Krieg, den Dienstwagen beladen mit Würsten, Brot und Wodka, ohne sich von uns zu verabschieden.

Als Kalojew, vom Krieg entzündet, uns, die Dolmetscherin und mich, im Stich liess, sassen wir zweieinhalb Tage mehr oder weniger ununterbrochen mit seiner Schwester in Kalojews Küche fest. Soja, eine ältere Frau, jammerte, klagte, weinte, und also ergaben sich Gespräche über ihr Leben und über das ihres Bruders, der familienintern schon immer als schwarzes Schaf galt.

Die Details, die den roten Faden stützen, also den Besuch bei Kalojew, habe ich vor Ort und Stelle recherchiert, jene, die sein Verbrechen angehen, habe ich aus Geschriebenem und aus Gesprächen mit Leuten gewonnen, die Kalojew hier im Gefängnis besucht/betreut hatten. Und: In jüngerer Zeit habe ich angefangen zu fotografieren, das Muster der Tapete, das Muster des Parketts, Autokennzeichen, Spielzeug, Reklameschilder, Strassennamen und so fort.

Warum ich keine Anführungszeichen verwende - es sei denn, eine Redaktion verdonnert mich dazu? Weil ich Anführungszeichen hässlich und meistens unnötig finde. Und sie verhindern den nahtlosen Wechsel von direkter Rede in indirekte - welchen Luxus ich mir ab und zu leiste. Was nicht heißt, dass ich die Zitate verändere: Die Äusserungen sind so gefallen.“


Ariel Hauptmeier



Beim Flugzeugunglück von Überlingen verlor Witalij Kalojew seine Familie. Er erstach den Fluglotsen. Nach der Haft wurde er Minister in Nordossetien. Jetzt zog er gegen Georgien in den Krieg.


Kalojew ist fort. Heute Morgen kurz vor acht, silbergraue Sportschuhe an den Füßen, schwarze Hose, schwarzes Hemd, setzte er sich ins Auto, einen Dienstwagen des Bauministeriums der russischen Republik Nordossetien, Kennzeichen A928MK 15 RUS, und fuhr in den Krieg.

Seine Tasse, halb voll, steht noch hier, im Schrank die Plastik, die er vor Monaten, heimgekehrt aus dem Schweizer Knast, verehrt bekam, ein Bronzekrieger mit gekreuzten Säbeln über grimmigem Haupt: Witalij Kalojew, geboren am 15. Januar 1956, Ossete des Jahres 2007.

Daneben die Tabletten gegen den Bluthochdruck.

Er ist kein schlechter Mensch, weint Soja, Kalojews älteste Schwester, eine Großmutter, die ihren Mann während Wochen verlässt, um Kalojew das Frühstück zu machen, die Wäsche, den Haushalt, den kleinen Garten vor dem mächtigen, hohen Haus. Er ist, weint Soja in der Küche ihres berühmten Bruders, gut und wild.

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Erwin Koch


Erwin Koch, geboren 1956, wohnhaft in der Zentralschweiz, schreibt Hörspiele, Romane und Reportagen.
Dokumente
Erwin Koch: Sein ist die Rache (pdf)

erschienen in:
Die ZEIT,
am 28.08.2008

 

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