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27.04.17

Prämierte Texte

Lara Fritzsche „Mein Deutschland - 0163-744****

Mit diesem Text gewann Lara Fritzsche den Axel-Springer-Preis 2006.

23:30 - 13 Anrufe in Abwesenheit. In der Bahn Richtung Friesenplatz klingelt es schon wieder. "Unbekannter Teilnehmer ruft an." Ist mir zu heikel. Da geh ich aus Prinzip nicht dran. Karibik-Sound heißt die Melodie, aber Entspannung klingt anders. Ich stelle den Ton leise, es vibriert nur noch in der Jackentasche. Als ich vor zwei Jahren dieses Handy ausgesucht habe, war das mein Hauptanliegen. "Willst du einen Terminplaner?" hat der Ladenbesitzer gefragt. Nein, nur dass man den Anruf unterdrücken kann, ohne dass es der Anrufer merkt. Meine Wahl rentiert sich täglich. Nicht annehmen müssen, aber registrieren. Die kontrollsüchtige Alternative zum Ausschalten.

23:46 - Starbucks am Friesenplatz. Die anderen sind nicht mehr da. Aus meinem DIN-A-5-Täschchen krame ich mein Handy hervor - ganz verklebt von ausgelaufenem Make-up, nicht mehr vollständig verpackten Bonbons und Lipgloss. Mit dem Daumen drücke ich die 3, dann wählen. Miriam ist eingespeichert. Sie meldet sich mit "Barrios". Der Name eines Restaurants am Ring. "Ok", kann ich gerade noch sagen, dann legt sie auf. Ich gehe los, Horden von Partywilligen kommen mir entgegen. Sie nehmen den gesamten Bürgersteig in Anspruch, schubsen sich gegenseitig hin und her, brüllen. Hauptsache laut. Mein Handy klingelt. Ein Siemens C55 gilt hier längst als antik. Am Ring wird die Klappe aufgemacht. Miriam ist wieder dran. "Was willst du? Die Bedienung ist grad da." Sie ist der Organisator, weil sie immer pünktlich ist. Als Einzige. Das Handy hat uns zum latenten Zuspätkommen erzogen. Man kann ja immer nachkommen - und die Bestellung vorausschicken.

Mein Deutschland ist da, wo mein Handy ist. Seit meinem 14. Geburtstag bin ich der Mobiltelefonie verfallen, habe ich ein Handy an meiner Seite - rund um die Uhr. Bin immer erreichbar, nie ungestört. Es ist ein Abhängigkeitsverhältnis, ganz klar, ich mach mir da gar keine Illusionen. Aber ich hatte es mir ja so gewünscht. Die übrigen Geschenke hab ich pflichtbewusst aufgerissen - die letzte Verpackung zelebriert: ein blaues Nokia 5110 mit Prepaid-Karte. Seit diesem Tag bin ich so gut wie immer und überall erreichbar. Ohne Handy fühle ich mich ausgeschlossen. Ohne Handy hätte ich keine Verabredungen.


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Lara Fritzsche


Lara Frtizsche, geboren am 11. Januar 1984 in Köln. Noch vor dem Abitur 2003 erste Erfahrungen als freie Mitarbeiterin beim Kölner Stadt-Anzeiger und beim Hörfunk und Fernsehen.  2003 bis 2006 Volontärin und Redakteurin beim Kölner Stadt-Anzeiger. Seit 2006 Studium der Literraturwissenschaften und Psychologie in Bonn, freie Autorin für ZEIT, Neon, Emma, Philadelphia Inquirer und Kölner Stadt-Anzeiger.
Dokumente
Mein Deutschland... (PDF)

erschienen in:
Kölner Stadt-Anzeiger,
am 02.04.2006

 

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