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26.05.17

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Dirk Graalmann „Sie nannten ihn Prickel

Er ist Vizekanzler, Außenminister und stellvertretender Vorsitzender der SPD. Er ist einer der mächtigsten Männer im Land und dennoch war von Frank-Walter Steinmeiers Leben vor seiner Zeit als Staatssekretär nur sehr wenig bekannt. Dann reiste Dirk Graalmann in die nordrhein-westfälische Provinz, suchte und fand Steinmeiers Wurzeln. Er recherchierte, dass der Außenminister früher Prickel genannt wurde und auch nach einigen Bier nie die Beherrschung verlor. In seiner Reportage "Sie nannten ihn Prickel“ deckt Dirk Graalmann unterhaltsam, aber nie flach, die Jugend Steinmeiers zwischen Fußballplatz und Dorfkneipe auf.

"Mit ging es nicht darum, einen Skandal auszugraben, zu recherchieren ob der junge Frank-Walter Steinmeier mal betrunken Auto gefahren ist. Ich wollte dem Menschen näher kommen“, sagt Dirk Graalmann. Und das ist dem Reporter gelungen.

Wie kam er auf die Idee? Graalmann erlebte den Außenminister einen Tag lang bei einem Besuch in Bochum. Der Vizekanzler menschelte, erzählte, dass er früher mal im Verein Fußball gespielt habe. "Da fiel mir wieder auf, wie wenig über Steinmeiers Leben bekannt ist“, sagt Graalmann. Er recherchierte, wo der Politiker zur Schule ging, wo er aufwuchs.“ Er stieß auf Brakelsiek, eine kleine Gemeinde in Nordrheinwestfalen in der Nähe von Detmold Steinmeiers Geburtsort.

Zwei Tage verbrachte Graalmann in dem Ort. Er sprach mit früheren Lehrern, mit Mitspielern vom Tus Brakelsiek und Kneipenwirten. Dann lud ihn Steinmeiers Bruder abends zu sich nach Hause ein. Und der Vater des SPD-Vizevorsitzenden kam auch noch dazu. "Ich weiß nicht einmal mehr, wie er zur SPD gekommen ist“, sagt sein Bruder über den Spitzenpolitiker. In der Familie wurde nur sehr selten über Politik gesprochen.

Graalmann erzählt nicht nur aus den Jugendjahren des Außenministers, er vergleicht Steinmeier auch mit dem jungen Schröder, der nur 15 Kilometer entfernt in Mossenberg aufwuchs. Beide spielten Fußball, doch während Schröder als "Acker“ dem gegnerischen Torwart die Bude volldrosch, war "Prickel“ eher der unauffällige, aber fleißige Arbeiter, der klaglos überall eingesetzt werden konnte.

"Es wirkt so, als mache Frank-Walter Steinmeier Politik, wie er früher kickte. Nun wird er vielleicht Kanzlerkandidat der SPD, da muss er offensiv spielen, angreifen. Ob er das kann? Hoffmann blättert in den Seiten, bis er jenes karierte Blatt gefunden hat, auf dem er im Jahr 1976 die fußballerische Sensation notierte: "Tor: Steinmeier 1". Sein einziger Saisontreffer. Die Partie der 2. Kreisklasse gegen den FC Donup ging trotzdem mit 1:2 verloren.“


Hauke Friederichs

In Frank-Walter Steinmeiers Heimatort wundern sich nicht wenige über die Karriere des Außenministers, weder in der Familie noch beim Fußball stach er besonders heraus

In einer alten, roten, leicht abgestoßenen Kladde hütet Friedrich Hoffmann seine Trophäe. Der Kassierer des TuS 08 Brakelsiek hat das Büchlein extra hervorgekramt, zum 100-jährigen Bestehen des Sportvereins. Hoffmann wird es auch präsentieren, wenn am Freitag der  berühmteste Kicker des Klubs zur Geburtstagsfeier heimkehrt: Er heißt Frank-Walter Steinmeier.

Es reichte zwar nicht für die Fußball-Bundesliga, dafür spielt Steinmeier politisch mittlerweile ziemlich hoch oben. Nicht wenige waren überrascht vom rasanten Aufstieg, viele hatten ihn wohl unterschätzt. Schon beim TuS 08 war Steinmeier die Allzweckwaffe, einer, den man klaglos von Position zu Position schieben konnte, der mal hinten rechts, mal links spielte, ohne große Geniestreiche, aber zäh und verlässlich. Und im Zweifel defensiv, abwartend. Es wirkt so, als mache Frank-Walter Steinmeier Politik, wie er früher kickte. Nun wird er vielleicht Kanzlerkandidat der SPD, da muss er offensiv spielen, angreifen. Ob er das kann? Hoffmann blättert in den Seiten, bis er jenes karierte Blatt gefunden hat, auf dem er im Jahr 1976 die fußballerische Sensation notierte: "Tor: Steinmeier 1". Sein einziger Saisontreffer. Die Partie der 2. Kreisklasse gegen den FC Donup ging trotzdem mit 1:2 verloren. Der TuS 08 spielt noch in der gleichen Spielklasse, es hat sich nicht so viel verändert seither.

In Brakelsiek, 1100 Einwohner, stehen ein paar schmucke Fachwerkhäuser rechts und links der Durchfahrtsstraße, die den Ort teilt, mittendrin eine Tankstelle, dazu das Gasthaus "Postillon" und direkt gegenüber der "Alte Krug", eine typische Dorfkneipe, in der Lotti und Heinz ausschenken; ewig schon. "Armenhaus Lippe" nannte man diese Region früher, hier an der Grenze zu Niedersachsen. Das kleine Herforder kostet 1,10 Euro, die Gulaschsuppe 2,20 Euro, hier im Ort wird SPD gewählt, das Leben ist überschaubar. Wenn man jung ist, kann das ab und an frustrierend sein. "Es gab hier für uns Jugendliche nix, im Zweifel hätte man in die Kneipe gehen müssen", sagt Hartmut Tewesmeier. Er ging ab und an zu Lotti und Heinz, Steinmeier noch seltener. Später fuhren sie gemeinsam in einer Ente nach Südfrankreich, hatten reichlich Spaß, doch selbst in hochprozentiger Stimmung fiel Steinmeier nie aus dem Rahmen: "Der Frank konnte sich selbst dann noch zusammenreißen, wenn er mal richtig dicke war."

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Dirk Graalmann


Dirk Graalmann, geboren 1974, berichtet seit einem Jahr als Landeskorrespondent Nordrhein-Westfalen aus Düsseldorf für die „Süddeutsche Zeitung“. Vorher leitete er vier Jahre lang das Sportressort bei den „Ruhr Nachrichten“ in Dortmund. Schon während des Studiums der Publizistik und Wirtschaftswissenschaft in Münster hatte er als Journalist gearbeitet und anschließend 2001 bei der NRW-Beilage der SZ angefangen.
Dokumente
Dirk Graalmann: Sie nannten ihn Prickel (pdf)

erschienen in:
Süddeutsche Zeitung (SZ),
am 21.08.2008

 

Kommentare

Kaley, 25.04.2016, 12:01 Uhr:

Great article but it didn't have evneithyrg-I didn't find the kitchen sink!

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