Reporter Forum Logo
27.05.17

Alexander Osang „Mein Heim ist doch kein Durchgangszimmer

Mit dieser Reportage gewann Alexander Osang den Egon-Erwin-Kisch-Preis 1993

Hans-Dieter Witt ist einer jener Zeitgenossen, die das Leben gern mit Sprichwörtern kommentieren. Nie werde ich vergessen, wie er, nur mit einem weißen gerippten Schlüpfer bekleidet, in seinem nächtlichen Treppenhaus stand und deklamierte: »Schau vorwärts und nie zurück, neuer Mut bringt neues Glück«. Ein Spruch, der im Wohnzimmer seiner Großmutter hing. Zu seinem Repertoire gehört auch das Engels-Wort: »Die kleinste Zelle der Gesellschaft ist die Familie«, das Hans-Dieter Witt irrtümlich Erich Honecker zuschlägt. Witt mag auch den Spruch »Arbeit macht frei«, den die Nazis vor ihre KZ-Türen nagelten. Ein Wort, das er in den letzten Tagen oft zitiert hat. Weil er vermutet, es könne das Asylbewerberproblem lösen. »Arbeit«, so modifiziert es Witt, »befreit nämlich auch von dem Gedanken, anderen Leuten in die Grünanlagen zu scheißen.«

Bislang drangen Witts Weisheiten selten aus den Wänden seiner Lichtenhagener Neubauwohnung. Seit der vorigen Woche ist das anders. Hans-Dieter Witt hatte viel zu tun, obwohl er doch eigentlich arbeitslos ist. Er war pausenlos unterwegs, hat mit vielen Leuten geredet. Vor etwa zehn Tagen rief er den Rostocker Innensenator an, um ihm mitzuteilen, »daß die Asylbewerber hier rausmüssen, weil es sonst Zoff gibt«. Er schlug die ehemalige NVA-Kaserne in Prora vor. Der Innensenator hörte bekanntlich nicht auf den arbeitslosen Schlosser vom Rostocker Hafen.

So stand dann Hans-Dieter Witt am vorigen Sonnabend mit seiner Frau zwischen den aufgebrachten Lichtenhägern, die gegen das Asylbewerberheim in ihrem Stadtteil protestierten. Er kann sich nicht erinnern, Beifall geklatscht zu haben, als die ersten Pflastersteine flogen. Dennoch, auch an den folgenden Tagen, als es brannte und Steine hagelte, nahm Hans-Dieter Witt am Geschehen teil. Sonntag- und Montag nacht verbrachte er noch Stunden vor der Haustür, Dienstag ging er nur raus, um der Polizei zuzurufen: »Viel hilft nicht viel«, in der Nacht zum Mittwoch traf ich ihn, wie er eben hinters Haus schlich, um nach seinem gebrauchten Audi zu sehen.

Mehr...

Zurück

Alexander Osang


Alexander Osang, Jahrgang 1962, Studium der Journalistik in Leipzig, zunächst Wirtschaftsredakteur, später Chefreporter der Berliner Zeitung, 1999–2006 Reporter für den Spiegel in New York, seit 2007 in Berlin; 1993, 1999 und 2001 Egon-Erwin-Kisch-Preis, 1995 Theodor-Wolff-Preis. Bücher: »Aufsteiger – Absteiger. Karrieren in Deutschland«, 1992; »Die stumpfe Ecke. Alltag in Deutschland«, 1994/2002; »Das Buch der Versuchungen. 20 Porträts und eine Selbstbezichtigung«, 1996; »Tamara Danz. Legenden«, 1997; »Ankunft in der neuen Mitte. Reportagen und Porträts«, 1999; »Schöne neue Welt. 50 Kolumnen aus Berlin und New York«, 2001; »Neunundachtzig. Heldengeschichten«, 2002; »Berlin – New York. Kolumnen aus der schönen neuen Welt«, 2004; »Tierisch. Impressionen aus dem Berliner Tierpark und Zoo.« Vorwort von Alexander Osang zu den Fotos von Wulf Olm, 2007. Romanveröffentlichungen: »Die Nachrichten«, Frankfurt am Main 2000; »Lennon ist tot«, Frankfurt am Main 2007.
Dokumente
Mein Heim ist doch kein Durchgangszimmer als PDF

erschienen in:
###ARTICLE_PUBLISHER###,
am 26.08.1992

 

Kommentare

 

Kommentar hinzufügen

* - Pflichtfeld

*


CAPTCHA-Bild zum Spam-Schutz
Wenn Sie das Wort nicht lesen können, bitte hier klicken.
*
*
Kontakt: Reporter Forum e.V. | Sierichstr. 171 | 22299 Hamburg