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27.05.17

Nicol Ljubic „Menschliche Überreste, 110 Kilogramm

Mit diesem Text gewann Nicol Ljubic den Hansel-Mieth-Preis 1999.

Niemand in Bhedwal, dem Dörfchen im indischen Pandschab, konnte erklären, was diesen Jungen nach Deutschland getrieben hatte. Zurück bekamen sie ihn in einer Holzkiste.

Er nannte sich Harvinder Singh Cheema. Sein Alter, sagte er, sei 16 Jahre. Er blickte freundlich in die Kamera, ein hübsches Gesicht mit einem kleinen Bart über den Lippen. Er trug ein Jeanshemd und einen Anflug von Unsicherheit im Gesicht. Als habe er Angst und wisse nicht genau, wovor. So sieht man Harvinder Singh Cheema auf dem letzten Bild, das ihn lebend zeigt. Ein schwarzweißes Polaroid, das am 21.September 1998 in der Jugendhaftanstalt Halle gemacht wurde. Am Tag seiner Einlieferung.

Dieser Harvinder Singh Cheema war illegal in Deutschland, deshalb musste er ins Gefängnis. Dort, auf Zelle 322, hatte er alles, was er brauchte: ein Wasserrohr, das hoch genug war, eine Toilette, auf die er steigen und ein Bettlaken, das er in Streifen reißen konnte. Und er war alleine. 54 Tage lang wurde er um halb acht Uhr eingeschlossen und morgens um sechs geweckt. Am 55.Tag, dem 14.November 1998, hatte das ein Ende: Als 322 aufgesperrt wurde, hing Harvinder Singh Cheema am Wasserrohr. Das blaukarierte Bettlaken hatte er sich um den Hals gelegt und am Rohr über der Toilette festgemacht. Dann war er vom Klo gesprungen.

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Nicol Ljubic


Nicol Ljubic, geboren am 15. November 1971 in Zagreb. Aufgewachsen in Schweden, Griechenland, Russland. 1991 Abitur in Bremen. 1993-2002 Studium der Politikwissenschaften an der Universität Bremen; Abschluss: Diplom. Seit 1993 als freier Journalist u.a. tätig für Radio Bremen, für den WDR, NDR und HR. 1996 bis 1998 Besuch der Henri-Nannen-Journalistenschule in Hamburg. 1999 Redakteur beim Jugend-Supplement jetzt der Süddeutschen Zeitung, München. 2001 Pauschalist beim Berliner Tagesspiegel im Ressort »Die dritte Seite«. Seitdem schreibt er als freier Autor. 1999 mit dem Hansel-Mieth-Preis ausgezeichnet und für den Egon-Erwin-Kisch-Preis und Axel-Springer-Preis für junge Journalisten nominiert. Nicol Ljubic hat zwei Bücher veröffentlicht: Im Jahr 2002 erschien der Roman »Mathildas Himmel« im Eichborn-Verlag und 2004 das Buch »Genosse Nachwuchs – Wie ich die Welt verändern wollte« bei DVA, München, "Heimatroman oder Wie mein Vater ein Deutscher wurde" (2006, DVA, München).
Links
Der Text als PDF auf Spiegel-Wissen

erschienen in:
###ARTICLE_PUBLISHER###,
am 01.10.1999

 

Kommentare

Independence, 25.04.2016, 03:02 Uhr:

Cheers pal. I do apepacirte the writing.

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