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29.04.17

Wolfgang Bauer „Die Knochenmühle

Mit diesem Text gewann Wolfgang Bauer den Hansel-Mieth-Preis 2008.

Der Tod reißt an Herrn Yang, auf den Treppenabsatz drückt er ihn zu Boden. Den Hals hat er ihm abgeklemmt und die Lunge mit Eiter zulaufen lassen. Doch Herr Yang wehrt sich, würgt, stützt sich an der Wand ab. Er spannt jede Sehne. Hustet sich das Leben in die Brust. Weißer Schaum spritzt in Flocken auf seine Unterlippe. Herr Yang, noch keine 40 Jahre alt, keine 40 Kilo schwer, kämpft mit aller Kraft, nicht in sich zu ertrinken. Im Treppenhaus hallt das dunkle Husten und das helle Gurgeln, das aus seinem Inneren kommt. Die Zähne blecken im aufgerissenen Mund als wollten sie Luft beißen. Die Familie im Haus hält inne. Seine Frau hört auf, in der Küche das Gemüse zu putzen. Der Sohn starrt nur noch teilnahmslos in das Fernsehprogramm. Den Todeskampf des Herrn Yang kennen sie seit Monaten. Mehrfach am Tag und in der Nacht führt er ihn, zunehmend verzweifelt, und alle wissen: Bald verliert er ihn.

Die Fabrik hatte ihm gesagt, das wird wieder. Ein vorübergehendes Unwohlsein. Der erste Arzt, den er konsultierte, erkannte eine leichte Erkältung. Als Herr Yang Grippemittel nahm und es über Monate nicht besser wurde, sagte ein anderer Arzt, die Erkältung sei wohl etwas schwerer. Im Krankenhaus erklärte man ihn unvermittelt: „Wir können nichts mehr für Sie tun. Sie haben eine Staublunge.“ 13 Jahre lang sägte er in der Fabrik Schmucksteine zurecht, atmete Steinsplitter ein, ohne Maske, mit wenigen Zentimetern Abstand, von morgens sieben bis abends zehn. Sieben Tage die Woche, mit einem freien Tag im Monat. Europa und die USA hatte die Fabrik mit seinen Schmuck versorgt, es gibt dort Zehntausende junger Frauen, die Arbeit aus Herrn Yangs Händen am Dekolleté tragen. Liebesgeschenke, die Mütter ihren Töchtern kauften, Freunden den Freundinnen, und immer auch etwas vom Tod in Herrn Yangs Lunge hinterlassen haben.

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Wolfgang Bauer


Hamburger. Jahrgang 1970. Im äußersten Norden und Süden Deutschlands aufgewachsen. Zeitsoldat, Kriegsdienstverweigerung. Zweiter Bildungsweg auf dem Abendgymnasium Reutlingen, währenddessen Bäckereifahrer, Fremdenführer, Möbelpacker, Müllsortierer. Studium an der Universität Tübingen, zunächst Islamistik, später Geographie und Geschichte. Seit 1994 als freier Journalist tätig. Das Schreiben gelernt beim Schwäbischen Tagblatt (Tübingen). Autor der Agentur Zeitenspiegel/ Stern-Büro Baden-Württemberg. Zwischen 2001 und 2010 Pauschalist des Reportagenressorts bei Focus. Seit 2011 Autor für ZEIT-Dossier und ZEIT-Magazin. Unterwegs auch für Neon/Nido und das Greenpeace Magazin. Diverse Journalistenpreise.
Website des Autors
Dokumente
Die Knochenmühle als PDF

erschienen in:
Greenpeace-Magazin,
am 01.06.2007

 

Kommentare

Ray Heimann, 30.07.2009, 16:37 Uhr:

Manchmal denkt man, eine Reportage braucht nur lang zu sein und in einer angesehenen Zeitung zu erschienen, das alleine mache sie schon zu einer guten Reportage. Hätte ein junger Journalist so etwas angeboten, hätte die Redaktion es ihm um die Ohren gehauen (oder , bei einem Freien, sich überhaupt nicht mehr gemeldet). Wenn man einen guten Namen hat, wird dagegen jeder Mist gedruckt. so isses eben.
Es dauert ewig bei dem Text bis man lesen kann , um was es eigentlich geht, überhaupt ist das Thema nicht richtig fokussiert. Ich habe mir wirklich Mühe gegeben, aber irgendwann musste ich aussteigen, sowas langatmiges. manno mann. Mann hätte die Hälfte davon löschen können ohne Verlust für den Text.

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