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27.04.17

Prämierte Texte

Antje Joel „Blödes Kind

Mit diesem Text gewann Antje Joel den Hansel-Mieth-Preis 2000.

Das Mädchen hat nicht halten können, was sich die Mutter von ihrer Tochter versprach. Ist 23 Jahre alt und hilfloser als ein kleines Kind. Zu hundert Prozent geistig behindert, Epileptikerin. Eine klein gebliebene Frau, die zum Dickwerden neigt. Mit schmalen Kinderhänden und -füßen. Das helle, kurz geschnittene Haar strähnig, das Gesicht rund und flach, darin ein kleiner Mund, der beim Sprechen, Lachen, Staunen, bei jedem Öffnen Speichelfäden über den Zähnen freilegt. Die Augen starren, mal wie um Verständnis bemüht, dann wieder leer. Die Tochter wirkt träge. Im Gegenteil, sagt die Mutter, oft sei ihr Kind aggressiv. Kotzt in sein Essen. Schreckt die Eltern mit falschen Erstickungsanfällen. Kratzt. Beißt. Schlägt um sich mit Worten, die sie nicht versteht, nur dass sie spürt, dass sie die Mutter verletzen. Die Mutter schlägt zurück. In diesem Kampf, sagt sie, muss sie die Stärkere bleiben. Sie fürchtet, andernfalls hat sie ihn lebenslänglich verloren.

Ingrid Ingwersen, 44, hatte genaue Vorstellungen von einer Tochter und ihrem Leben mit diesem Traumkind gehabt. Wie sie ihm auf der Bettkante sitzend Geschichten vorläse zur Guten Nacht. »Das hatte mein Vater zu meiner Kinderzeit immer getan.« Wie ihr Püppchen in hübschen Kleidern Passanten entzückte. Wie sie die Tochter hielte, küsste, liebkoste, so viel Liebe wollte sie ihrer Tochter geben, so viel Wärme, dass dem Kind nie ein Zweifel kommen müsste, die richtige Mutter gewählt zu haben. »Der Vater, das hatte ich ja recht schnell gemerkt, war sowieso der falsche.« Der Tochtertraum zerbrach.

Wann, ist nicht mehr zu bestimmen. Über die Jahre suchten Ängste die Mutter heim, Hoffnungen, neue Ängste. Sie erkannte, leugnete und musste schließlich doch begreifen. Sie sagt, ihre Tochter wurde gesund geboren, eines Sonntags im Mai, ein hübsches und waches Kind. Im Alter von neun Monaten sprach es die ersten Worte. »Mama«, »Papa«, »Opa«, »Oma«, »da, Bume«. Die Mutter erinnert sie alle. Dieses frühe Sprechen, sagte ihr später ein Arzt, sei ein Zeichen besonderer Intelligenz. Seither fühlt sich Frau Ingwersen doppelt beraubt.


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Antje Joel


Antje Joel, geboren 1966, geschieden, sechs Kinder. Nach der Fachhochschulreife, einem abgebrochenen Architekturstudium und einem abgeschlossenen Volontariat ist sie freie Autorin seit 1993. Ihre Reportagen, Porträts, Kommentare, Kolumnen, Gerichtsreportagen schreibt sie für SPIEGEL, SPIEGEL Special, STERN, GEO, DU, Brigitte, Magazin der Süddeutschen Zeitung, Seite Drei der Süddeutschen Zeitung, Frankfurter Rundschau Magazin, Die Welt, McKinsey-Magazin, Tagesspiegel, Weltwoche, Tagesanzeiger Zürich, Das Magazin, Der Alltag. Zwei Jahre war sie Kolumnistin für die „Weltwoche“, Zürich. Bücher: „Die ländliche Kolumne“ (dtv), „Sechs Kinder, Katzen und Karriere“ (Kreuz-Verlag), „Sylt Stories“ (Murmann-Verlag) Beiträge für die Anthologien „Schluss mit dem Jahrtausend“, herausgegeben von Helmut Lotz und Kai Precht (dtv), „Im Prinzip Sonne – Visionen zum Energiemarkt“, herausgegeben von Thomas Nordmann und Christian Schmidt (Kontrast-Verlag, Schweiz), „Alles Gute kommt von oben – Das untergründige Weihnachtsbuch“, herausgegeben von Julika Jänicke, Helmut Lotz und Kai Precht (dtv) Gastdozentin an der Akademie für Publizistik, Hamburg Preise: 1995 Egon-Erwin-Kisch-Preis und Axel-Springer-Preis, 2001 Hansel-Mieth-Preis Je ein weiteres Mal nominiert für Egon-Erwin-Kisch- und Hansel-Mieth-Preis.
Dokumente
Blödes Kind als PDF

erschienen in:
Das Magazin,
am 01.09.2000

 

Kommentare

Jenn, 25.04.2016, 03:03 Uhr:

How neat! Is it really this simlep? You make it look easy.

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