Reporter Forum Logo
19.11.17

Autoren-Interview

Helge Timmerberg / Timo Nowack „Du musst dich packen lassen

In seinen Reportagen schreibt er über schöne Frauen, Reisen, Drogen - und immer auch über sich selbst. Helge Timmerberg ist einer der wichtigsten Autoren des New Journalism in Deutschland. Im Gespräch mit Timo Nowack erzählt er, warum er Tom Kummer früher als einzigen Konkurrenten empfunden hat, wodurch sich ein guter Ich-Erzähler auszeichnet und was ein Reporter macht, wenn er alt wird.

Herr Timmerberg, Sie schreiben viele Bücher in den letzten Jahren – wird man als alter Reporter im Journalismus etwa nicht mehr glücklich?

In der Zeit, in der ich viele Reportagen für „Tempo“ geschrieben habe, habe ich immer unheimlich darunter gelitten, dass ich keine Bücher schreibe. Im Nachhinein ist meine Sammlung mit den Reportagen aus dieser Zeit mein erfolgreichstes Buch geworden. Aber es ist eine Altersfrage, und vor allem es geht auch um Kohle. Mit 50 Jahren habe ich mich gefragt: Willst du mit 70 wirklich noch Reportagen machen und dafür auf Krücken durch die Gegend laufen? Oder willst du von Büchern leben? Und ich glaube, man kann dann besser von Büchern leben. Sie geben dem Alter einen besseren Rhythmus. Außerdem höre ich ja nicht auf mit Journalismus. Ich schreibe viel für die „Neue Zürcher Zeitung“ und vor kurzem war ich erst für „Neon“ in der Sahara.

Beim Schreiben geht es vor allem um Kohle? Das klingt ja nicht sehr romantisch für einen Literaten.

Es geht um die Notwendigkeit und den Druck. Die Energie, die in diesem Überlebenskampf steckt, brauche ich. Wenn ich weiß, morgenfrüh ist Deadline, kommt die Verzweifelung. Aber in diesem Feuer der Verzweiflung schmieden sich dann Sätze, die ich sonst nie hinkriegen würde. Aber wenn ich einen Million Euro hätte, würde ich wahrscheinlich gar nichts schreiben. Denn ernsthaftes Schreiben ist das anstrengendste, was ich kenne. Straßenbau ist eine Entspannung dagegen. Ich meine, wirklich gut zu schreiben, nicht klischeehaft, und auch aus den eigenen Klischees immer wieder herauszukommen. Andererseits ist Schreiben auch das Größte, was ich kenne. Die Zufriedenheit und Freude, wenn es läuft, genieße ich mehr als Sex und alles andere.

Sie sind bekannt für ihren sehr subjektiven Schreibstil  –  was sind die Voraussetzungen, um ein guter Ich-Erzähler zu sein?

Du musst uneitel sein. Das heißt, du musst dich selber hochnehmen können, über deine Schwächen, deine Doofheit und Fehler schreiben. Außerdem musst du ein guter Schreiber sein. Als normaler Journalist kannst du dich mit Informationen und Recherche retten. Aber wenn du im Ich-Stil mittelmäßig schreibst, ist das zum Kotzen. Außerdem musst du in der Lage sein, die Essenzen zu finden. Denn eigentlich gibt es nur einige wenige Grundthemen im Leben, und die tauchen immer wieder in verschiedenen Variationen auf: Liebe, Tod, Geld und noch irgendetwas. Wenn du die in dir sehr genau triffst, triffst du den Leser genauso.


(...)


Zurück

Helge Timmerberg


geboren 1952, ist einer der bekanntesten Vertreter des „New Journalism“ in Deutschland. Nachdem er mit 17 Jahren per Anhalter in den Himalaja getrampt war, begann Timmerberg seine journalistische Karriere als Volontär der „Neuen Westfälischen“ in Bielefeld. Danach hielt es ihn nie lange an einem Ort. Als Reporter reiste er um die Welt und veröffentlichte seine subjektiv erzählten Reportagen in vielen Zeitungen und Magazinen, wie etwa „Tempo“, „GEO“ und „Playboy“. In den vergangenen Jahren schrieb Timmerberg auch immer mehr Bücher, wie etwa „Shiva Moon. Eine Reise durch Indien“, aber auch eine Fabel und einen Single-Ratgeber. Anfang Juni ist sein neues Buch „In 80 Tagen um die Welt“ bei Rowohlt erschienen.

Timo Nowack


geboren 1980 in Wanne-Eickel im Ruhrgebiet, studiert Journalismus an der Hamburg Media School. Als freier Autor hat er unter anderem für die taz und dpa geschrieben. Heute ist er Nachtredakteur und freier Mitarbeiter bei Spiegel Online und gibt das Online-Fotomagazin Flare (www.flaremag.de) heraus.
Website des Autors
Dokumente
Interview mit Helge Timmerberg

erschienen in:
Reporter-Forum,
am 14.06.2008

 

Kommentare

 

Kommentar hinzufügen

* - Pflichtfeld

*


CAPTCHA-Bild zum Spam-Schutz
Wenn Sie das Wort nicht lesen können, bitte hier klicken.
*
*
Kontakt: Reporter Forum e.V. | Sierichstr. 171 | 22299 Hamburg