Reporter Forum Logo
15.12.17

Prämierte Texte

Alexander Runte / Bastian Obermayer „Ein Mensch weniger

Als sie starb, hinterließ Annette Jacobi eine verwaiste Wohnung. Darin fanden wir ein ganzes Leben.

Als sie starb, hinterließ Annette Jacobi eine verwaiste Wohnung. Darin fanden wir ein ganzes Leben.

In den Fünfzigerjahren leuchtet die Zukunft für Annette Burglar* hell. 1930 in einem beschaulichen Nest im Schwarzwald geboren, wo die Eltern ein Café führen, geht sie mit 21 Jahren nach Karls-ruhe und dann 1954 weiter ins große München. Dort lernt sie Karl Jacobi kennen, einen Speditionskaufmann, den sie am 11. August 1958 auf dem Standesamt IV heiratet. Gemeinsam ziehen sie nach Duisburg. Es ist die Zeit des Wirtschaftswunders, die Exporte steigen, im Ruhrpott gibt es viel zu tun, so viel, dass die ersten Gastarbeiter ins Land geholt werden. Speditionskaufmänner sind gefragt. Ein gutes Jahr nach der Heirat bringt Annette Jacobi am 22. August 1959, morgens um 9.30 Uhr, in der städtischen Frauen- und Kinder-klinik Essen den gemeinsamen Sohn zur Welt. Das junge Paar nennt den Beweis seines Glücks Martin, der Standesbeamte Müller beurkundet. Aber es wird nicht halten, das Glück.

Von dieser besten Zeit in ihrem Leben kann weder Annette Jacobi selbst berichten noch jemand anderes; sie ist aber dokumentiert in ihrer Wohnung: durch Geburtsurkunden, die Heiratsurkunde, Sozialversicherungsnachweise, Fotos und Briefe von Freundinnen. Eine Wohnung kann viel erzählen, ein ganzes Leben kann sie erzählen, wenn sonst keiner mehr da ist, der das könnte. Annette Jacobi ist einsam am Ende ihres Lebens, sie hat keinen Lebensgefährten, keine Verwandten, keine beste Freundin, keine Kaffeeklatschgesellschaft. Nur einen toten Ex-Mann und einen verschollenen Sohn. Auf Beamtendeutsch: »Es konnte kein anderer Erbe als der Staat ermittelt werden.« Diesen Erben, den Fiskus, interessiert nur eines: Geld. Deswegen wird alles, was sich nicht zu Geld machen lässt, in den nächsten Wochen auf dem Müll verschwinden. Die vielen, überall gestapelten Bücher, die Porzellanweihnachtsmänner und der Kratzbaum von Paula, der Katze. Und all die Briefe, Postkarten, Fotos und Dokumente. Alles, was von einem Leben bleibt. Alles, was daran erinnern kann.

Fast ein Jahr nach Annette Jacobis Tod riecht ihre Mietwohnung nach alten Zeitschriften und Staub. Überall angebrochene Medikamentenschachteln, auf dem Wohnzimmertisch eine halb leer gerauchte Schachtel Marlboro, ein Telefon, ein paar Kugelschreiber, eine SPD-Tasse mit der Aufschrift »Für gute Inhalte« und zwei maschinell erstellte Glückwunschschreiben einer ortsansässigen Apotheke und der Sparkasse zum 75. Geburtstag, die Annette Jacobi nicht mehr öffnen konnte. Es war lange keiner mehr hier, die Wohnung war versiegelt. Hinter dem Glas der dunklen Schrankwand blickt ein junger Mann – wilde schwarze Locken, fein geschnittenes Gesicht – von einem vergilbten Foto aus ins Wohnzimmer. Auf die Rückseite schrieb Annette Jacobi mit blauem Stift, in großen, verschnörkelten Buchstaben: »Mein einzig geliebter Sohn«. Er, Martin Jacobi, war nicht auffindbar, als seine Mutter starb und beerdigt wurde.

(...)


Zurück

Alexander Runte


Alexander Runte wurde 1977 in Frankfurt am Main geboren. In München studierte er Journalistik, Politik und Philosophie und absolvierte die Redakteursausbildung an der Deutschen Journalistenschule. Seit November 2006 arbeitet er als Mitglied des Journalistenbüros Nansen & Piccard in München vor allem für das SZ-Magazin, NEON, Handelsblatt und das Magazin der Frankfurter Rundschau.
Website des Autors

Bastian Obermayer


Bastian Obermayer (Jahrgang 1977) studierte in München Politik, Geschichte und Amerikanistik und besuchte dort die Deutsche Journalistenschule. Danach arbeitete er drei Jahre als freier Journalist für verschiedene Magazine, seit Februar 2008 ist er fest angestellter Redakteur beim SZ-Magazin, mit dem Spezialgebiet Reportage. Er erhielt diverse Auszeichnungen, unter anderem den Theodor-Wolff-Preis und den Henri-Nannen-Preis. Eigentlich wollte er immer Fußballprofi und Schriftsteller werden.
Website des Autors
Dokumente
Ein Mensch weniger (pdf)

erschienen in:
SZ-Magazin,
am 01.02.2007

 

Kommentare

Xiao, 25.11.2015, 13:59 Uhr:

Frippe বলছেন:Huvudet pe5 spiken. Detta e4r ett tlsioeognkkt sje4lvmord. Jag undrar hur upphandlare/utredare har te4nkt ne4r det ge4ller program som ste4ndigt e4r under utveckling. Troligt e4r att de inte hade tillre4ckligt med kompetens ff6r att ff6rste5 hur mycket detta begre4nsar utveckligen och belastar skolornas budget.

Kommentar hinzufügen

* - Pflichtfeld

*


CAPTCHA-Bild zum Spam-Schutz
Wenn Sie das Wort nicht lesen können, bitte hier klicken.
*
*
Kontakt: Reporter Forum e.V. | Sierichstr. 171 | 22299 Hamburg