Reporter Forum Logo
23.07.17

Stefan Klein „Im Zweifel für Gracie

Dieser Text gehörte zu den vornominierten Texten für den Henri-Nannen-Preis 2008, Kategorie "Beste Reportage".

Eine Entscheidung auf Leben und Tod: Siamesische Zwillinge und das Drama ihrer Trennung. Gegen den Willen der Eltern wurden die Babys operiert, nur eines konnte überleben - wie sechs Jahre später alle ihren Frieden gefunden haben

Gozo, im März - Als müssten sie es beschwören. Als müssten sie sich immer wieder aufs Neue daran erinnern. Gracie sei ein ganz normales Kind, sagt der Vater. Sie mache ihre Hausaufgaben so wie normale Kinder es täten, sagt die Mutter. Sie laufe ganz normal, und das schon von Anfang an. Normal, normal, normal, dreimal fällt das Wort in den ersten Minuten unseres Gesprächs, und dabei ist es doch so offensichtlich. Ein Kind, wie man es sich nur wünschen kann: Hübsch, lebhaft, temperamentvoll und aufgeweckt. Wir fragen, wie alt Gracie jetzt sei. Sieben, sagt die Mutter. Aber da meldet sich unter dem Tisch eine Stimme: Sechs! Und in der Tat, sieben wird Gracie erst im August. Aber nun kann sie sich um diese Frage nicht mehr kümmern, weil nämlich mit Rosie, der zwei Jahre jüngeren Schwester, gerade ein kleiner Kampf auszufechten ist, dessen Preis ein Bonbon ist. Es wird ein bisschen laut, es wird ein bisschen geschubst, wie es halt so ist bei kleinen Kindern. Normal.

Um auf die Mittelmeerinsel Gozo zu kommen, fliegt man nach Malta, von dort nimmt man die Fähre. Im Sommer zieht die Insel Touristen an, um diese Jahreszeit hält sie Tiefschlaf. Zumindest wirkt es so. Der Nachmittag ist kalt und klar, der Abend zieht auf mit funkelnden Sternen und einer zum Zerbrechen dünnen Sichel. In der Stille meint man die Tiefschlafende atmen zu hören. Niemand, der einem den Weg zur Familie Attard zeigen könnte. Aber dann sind wir doch am Ziel und stehen in einem geräumigen, etwas kahlen Raum, der Küche, Wohnzimmer, Schlafzimmer und Kinderzimmer in einem ist. Über dem Doppelbett der Eltern hängen Heiligenbilder und ein Kreuz, daneben stehen die Kinderbetten.

Die Familie ist vollzählig versammelt: Michelangelo Attard, der Vater, Rina Attard, die Mutter, und die beiden Kinder Gracie und Rosie. Es ist eine kleine, bescheidene Familienidylle, so normal, dass man denken könnte, alles wäre nur ein böser Traum gewesen. Nehmen Sie Platz, sagt Rina Attard und setzt Teewasser auf.

(...)


Zurück

Stefan Klein


Stefan Klein wurde 1950 in Tecklenburg/Westfalen geboren. Er arbeitete als Lokalreporter für die "Süddeutsche Zeitung", danach mehrere Jahre für den SPIEGEL. Anschließend kehrte er zur SZ zurück, für die er 1981 als Korrespondent nach Afrika, 1993 nach Singapur und 1998 nach Großbritannien ging. Anfang 2004 übernahm er den Posten des SZ-Chefkorrespondenten.
Dokumente
Im Zweifel für Gracie (pdf)

erschienen in:
###ARTICLE_PUBLISHER###,
am 17.03.2007

 

Kommentare

 

Kommentar hinzufügen

* - Pflichtfeld

*


CAPTCHA-Bild zum Spam-Schutz
Wenn Sie das Wort nicht lesen können, bitte hier klicken.
*
*
Kontakt: Reporter Forum e.V. | Sierichstr. 171 | 22299 Hamburg