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27.05.17

Prämierte Texte

Alexander Osang „Das Leben neben dem Anderen

Dieser Text von Alexander Osang ist nominiert als "Beste Reportage" für den Henri-Nannen-Preis 2008.


Der Darsteller Ulrich Mühe hat dem Film "Das Leben der Anderen" zum Oscar verholfen, er gab der Stasi sein Gesicht. Er hoffte, mit diesem Erfolg seiner ostdeutschen Vergangenheit entkommen zu können - doch sie holt ihn immer wieder ein.


Als der Oscar spät in der Nacht die Feier über den Bergen Hollywoods erreicht, ist Ulrich Mühe schon fast auf dem Weg ins Bett. Der Oscar kommt in einer schwarzen Stretchlimousine und liegt in der Hand von Florian Henckel von Donnersmarck. Donnersmarck hüpft um das Auto, lacht und zerrt immer wieder Mitglieder der Filmcrew in seine Nähe und damit auf die Bilder der Fotografen und Kameramänner. Mehr als 50 Mitarbeiter von "Das Leben der Anderen" sind nach Los Angeles gekommen, um diesen Sieg zu feiern. Donnersmarck streckt die Arme nach ihnen aus, drückt sie, küsst sie, er weiß, dass er seinen Oscar mit ihnen teilen muss, und er weiß auch, dass das nicht geht.

Ulrich Mühe und seine Frau Susanne Lothar nähern sich der Traube um Donnersmarck und seinen Oscar von hinten. Susanne Lothar klopft dem großen Mann auf den Rücken seiner Smokingjacke. Donnersmarck merkt es nicht, er küsst gerade einen Direktor des Bayerischen Rundfunks. Susanne Lothar klopft stärker.

"Florian", ruft sie. "Lass ihn mal, Suse", sagt Mühe und lächelt.
"Nee", sagt Susanne Lothar.

Sie hat in dieser Nacht viel getrunken, gelacht und geweint, sie hat mehrfach gesagt, dass dieser Oscar auch ihrem Mann gehöre, einmal erklärte sie einer älteren Dame aus Süddeutschland: "Ulrich Mühe ist dieser Film." Also klopft sie weiter auf den Smokingrücken, bis Donnersmarck sich endlich umdreht und auch Ulrich Mühe in seine Arme nimmt. Es gibt ein paar Fotos mit Regisseur und dem Hauptdarsteller, dann steigt Donnersmarck mit seinem Oscar die palmengesäumte Treppe hinauf zu der Villa eines deutschen Hollywood-Regisseurs, um mit den anderen zu feiern. Mühe und seine Frau steigen den Berg hinunter in die Stadt, um zu schlafen. Von hinten sehen sie nicht wie Gewinner aus, eher wie ein Paar, das einen langen Abend hinter sich hat.

(...)


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Alexander Osang


Alexander Osang, Jahrgang 1962, Studium der Journalistik in Leipzig, zunächst Wirtschaftsredakteur, später Chefreporter der Berliner Zeitung, 1999–2006 Reporter für den Spiegel in New York, seit 2007 in Berlin; 1993, 1999 und 2001 Egon-Erwin-Kisch-Preis, 1995 Theodor-Wolff-Preis. Bücher: »Aufsteiger – Absteiger. Karrieren in Deutschland«, 1992; »Die stumpfe Ecke. Alltag in Deutschland«, 1994/2002; »Das Buch der Versuchungen. 20 Porträts und eine Selbstbezichtigung«, 1996; »Tamara Danz. Legenden«, 1997; »Ankunft in der neuen Mitte. Reportagen und Porträts«, 1999; »Schöne neue Welt. 50 Kolumnen aus Berlin und New York«, 2001; »Neunundachtzig. Heldengeschichten«, 2002; »Berlin – New York. Kolumnen aus der schönen neuen Welt«, 2004; »Tierisch. Impressionen aus dem Berliner Tierpark und Zoo.« Vorwort von Alexander Osang zu den Fotos von Wulf Olm, 2007. Romanveröffentlichungen: »Die Nachrichten«, Frankfurt am Main 2000; »Lennon ist tot«, Frankfurt am Main 2007.
Dokumente
Das Leben neben dem Anderen (pdf, via Der Spiegel)

erschienen in:
###ARTICLE_PUBLISHER###,
am 05.03.2007

 

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