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Workshop 2019 - Die Fotos



Mehr als 300 Journalisten sind am vergangenen Wochenende zusammengekommen, um zu diskutieren, um sich auszutauschen, um voneinander zu lernen und um gemeinsam zu feiern. Dabei sind viele schöne Fotos entstanden, die wir euch nicht vorenthalten wollen. 

Fotos: Daniel Wolcke 



Reporter-Workshop 2019: Das Programm

 

Am Freitag und Samstag, 12./13. April, findet beim "SPIEGEL" in Hamburg der diesjährige Reporter-Workshop statt.

Motto in diesem Jahr: 

"Vertrauen verspielen, Vertrauen gewinnen"

 

 

Wir haben für den Workshop 2019 eine neue Website gebaut - mit Programm, Fotos und Infos zu unseren Referenten und ihren Workshops, die wir laufend aktualisieren.

Einfach auf das Foto klicken - oder hier entlang:
http://reporter-forum.de/rw19/

 

 

 

Programm: 

Freitag, 12. April, 2019

 

 

10:15 - 11:45 Uhr Beginn der Workshops, Reihe A


A1: Britta Stuff (Die Zeit), Lara Fritzsche (SZ-Magazin), Juan Moreno, Moderation: Andreas Wolfers (Henri-Nannen-Schule): Liebeserklärung an die Reportage: Was muss unbedingt bleiben, was kann weg? Raum K4 


A2: Stephan Lebert (Die Zeit), Clemens Höges (Der Spiegel), Marc Neller (Die Welt), Daniel Puntas (Reportagen), Michael Ebert (SZ-Magazin), Moderation: Anne Kunze (Die Zeit): Betrug am Leser, Betrug an der Redaktion - wie damit umgehen? Raum K8/9


A3: Nora Nagel (frei), Fabienne Hurst (frei), Julia Friedrichs (frei): Ungleichland - das Docupy-Projekt. Raum K7


A4: Sonja Zekri (Süddeutsche Zeitung): In Grund und Boden beschreiben? Wie viele Details ein Text braucht, damit er anschaulich wird – und nicht aufgeblasen. (Textworkshop, Texte von Teilnehmern werden redigiert)

HINWEIS: Der Workshop wird mit Kamera aufgezeichnet Raum K6


A5: Anette Dowideit (Die Welt), Bettina Querfurth (Literaturagentin): Von der Reportage zum Sachbuch, vom Exposé zum Vertrag. Tipps, Tricks, Beispiele. 

HINWEIS: Der Workshop wird mit Kamera aufgezeichnet. Raum K10 


A6: Martin Kaul (taz), Anett Selle (frei): Streamen ohne rot zu werden: Das Einmaleins des Live-Reports Raum K1

 

12:15 – 13:45 Uhr Reihe B


B1: Felix Stephan (Süddeutsche Zeitung), Jonas Schaible (t-online.de), Daniel Puntas (Reportagen), Deike Diening (Der Tagesspiegel), Moderation: Kai Müller (Der Tagesspiegel): Das „Narrativ“ im Journalismus - Einwände und Einwände gegen die Einwände

HINWEIS: Der Workshop wird mit Kamera aufgezeichnet. Raum K4


B2: Susmita Arp (Der Spiegel): Wie man seine Texte vor Fehlern schützt. (Dauer: 120 min) Raum K8/9


B3: Çiğdem Akyol, Nikolaus Brender, Rainer Hank, Friedrich Küppersbusch, Diana Zinkler, (Reporterpreis-Jury), Moderation: Ariel Hauptmeier: Wie die Entscheidung 2018 gefallen ist und was sich in Zukunft ändern könnte. Raum K 6

 

B4: Rüdiger Barth (Head of Content (Print) und Co-Founder Looping Group): Fessel mich! Texte mit Sog und Nachhall - wie Einstieg und Ausstieg gelingen. (Textworkshop, Texte von Teilnehmern werden redigiert) Raum K7


B5: Patrick Bauer (SZ-Magazin): Das Ich in der Reportage: Wie viel von mir darf im Text auftauchen? (Textworkshop, Texte von Teilnehmern werden redigiert) Raum K1


B6: Verena Friederike Hasel (frei), Maris Hubschmid (Der Tagesspiegel), Karsten Krogmann (NWZ), Moderation: Jenni Roth: Starke Stories vor der Haustür finden. 

HINWEIS: Der Workshop wird mit Kamera aufgezeichnet. Raum K10

 


14:00 Uhr Mittagessen 

 

 

15:00 – 16:30 Uhr Reihe C


C1: Bernd Ulrich (Die Zeit)Georg Löwisch (Tageszeitung)Philipp Krohn (FAZ), Hatice Akyün (frei), Moderation: Ariel Hauptmeier: Warum der allwissende Journalismus nicht mehr funktioniert. Raum K8/9


C2: Marc Neller (Die Welt), Anne Kunze (Die Zeit): Recherchieren für Reportagen - warum gründliche Recherche die Bedingung ist für gute Stories. 

HINWEIS: Der Workshop wird mit Kamera aufgezeichnet.

Raum K4


C3: Rafael Buschmann (Der Spiegel), Michael Wulzinger (Der Spiegel), Nicola Naber (Der Spiegel): Wie trennt man den Informanten von der Information? Über den schwierigen Umgang mit anonymen Whistleblowern und ihren Dokumenten.

HINWEIS: Der Workshop wird mit Kamera aufgezeichnet.

Raum K6


C4: Jonathan Sachse (CORRECTIV), Justus von Daniels (CORRECTIV): Aus tausenden Leser-Hinweisen zu erzählten Geschichten kommen – Erfahrungen mit dem „Wem gehört“- Projekt. Raum K1

 

C5: Christian Budnik (Universität Bern), Tina Kaiser (Die Welt), Moderation: Yassin Musharbash (Die Zeit): Wie haben andere Branchen auf Vertrauenskrisen reagiert - und können wir Journalisten daraus lernen? Raum K7

 

C6: Elisabeth Wehling (University of California, Berkeley), Friedrich Küppersbusch: Framing im Journalismus.

HINWEIS: Der Workshop wird mit Kamera aufgezeichnet. Raum K10

 


17:00 – 18:30 Uhr Reihe D


D1: Julian Amershi (NDR), Laura Backes (Der Spiegel), Martina Kix (ZEIT Campus): tende Protagonisten – was tun, wenn die Fakten stimmen, die Porträtierten aber lautstark protestieren?  Raum K6


D2: Heike Faller (ZEITmagazin): Wie Autoren und Reporterinnen trotz richtiger Fakten eine falsche Wirklichkeit konstruieren (und wie es besser geht). Raum K4


D3: Kixka Nebraska (Profilagentin): Mein digitaler Auftritt - so werde ich als Journalist/in im Netz sichtbar

HINWEIS: Der Workshop wird mit Kamera aufgezeichnet. Raum K10


D4: Ulrike Demmer (stv. Regierungssprecherin), Stephan Lebert (Die Zeit): Nach dem Seitenwechsel - ein kritischer Blick auf den Journalismus Raum K7


D5: Ariel Hauptmeier (hauptmeier.jetzt): Erzählen jenseits von Szene und Portal - 5 Techniken für Fortgeschrittene (Textworkshop, Texte von Teilnehmern werden redigiert) Raum K8/9


D6: Uwe H. Martin (Bombay Flying Club), Armin Smailovic (Agentur Focus), Maurice Weiss (Ostkreuz), Maria Feck (frei), Barbara Bachmann (frei), Moderation: Philipp Maußhardt: Reporter und Fotograf als Team. Raum K1


18:30 Uhr Abendessen


20:00 Uhr Reporterparty in der Oberhafenkantine 

 

Samstag, 13. April, 2019


10:00 – 11:30 Uhr Reihe E


E1: Emilia Smechowski (frei), Julia Friedrichs (frei): „Das hat schon viel Schönes, aber…“ Wie man als freie/r ReporterIn damit umgeht, redigiert zu werden. Und wer hat das letzte Wort? Raum K8/9


E2: Britta Stuff (Die Zeit): Reportagen, die berühren. (Textworkshop, Texte von Teilnehmern werden redigiert)

HINWEIS: Der Workshop wird mit Kamera aufgezeichnet. Raum K4


E3: Malene Gürgen (taz), Christian Jakob (taz): Über die AfD berichten – aber wie? Raum K6


E4: Johanna Rüdiger (Funke Zentralredaktion), Sören Kittel (Funke Zentralredaktion), Dennis Deuermeier (Spiegel Online): Der Videobeweis - wie Videos eine Reportage unterstützen und wie sie viral helfen. Raum K1


E5: Christiane Wittenbecher (IntoVR), Martin Heller (IntoVR): VR/360 Grad - die neuen Wunderwaffen des erzählenden Journalismus? (Dauer: 180 min, auf 12 Teilnehmer begrenzt)

HINWEIS: Der Workshop wird mit Kamera aufgezeichnet. Raum K10


E6: Gisela Mayer (Aktionsbündnis Amoklauf Winnenden), Andreas Unger (Freischreiber): Begegnungen mit dem Leid - wie sollen JournalistInnen mit seelisch stark belasteten Menschen sprechen und über sie berichten? Raum K7

 


11:45 – 13:30 Uhr Reihe F


F1: Christiane Wittenbecher (IntoVR), Martin Heller (IntoVR): VR/360 Grad - die neuen Wunderwaffen des erzählenden Journalismus? (Fortsetzung von E5(Dauer: 180 min, auf 12 Teilnehmer begrenzt) Raum K10


F2: Gunthild Kupitz (Freischreiber), Ronja von Wurm-Seibel (frei), Viktoria Morasch (taz), Moderation: Andreas Unger (Freischreiber): Was nicht passt, wird passend gemacht? - Implizite und explizite Erwartungen von Autoren und Redigierenden Raum K1


F3: Franziska Reich (stern), Judith Liere (stern): Zwischen Klischee und Tiefenschärfe - wie, warum, wodurch beschreibe ich Menschen? (Textworkshop, Texte von Teilnehmern werden redigiert) Raum K8/9


F4: Daniel Schulz (taz): Das wahre Ich - wie viel Ehrlichkeit verträgt ein Text? Raum K6


F5: Stefan Voß (dpa): Fast so wichtig wie das Telefon - die neuesten Suchtools in Social Media 

HINWEIS: Der Workshop wird mit Kamera aufgezeichnet. Raum K4


F6: Michael Obert (Leiter Reporter-Akademie Berlin): Den Druck aus der Recherche nehmen - Auslandsreportagen professionell vorbereiten Raum K7

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 


Reporter-Workshop 2019 in Hamburg



Es ist schön, wenn die Workshops des Reporter-Forums auf so großes Interesse stoßen, das auch noch Jahre später aus ihnen zitiert wird. Allerdings wäre es noch schöner, wenn das in handwerklich-kollegialer Atmosphäre Gesagte auch kollegial wiedergegeben wird.

Da aus einem Workshop von 2016 von Ullrich Fichtner in Medienberichten wiederholt zitiert wird, bringen wir die beiden Abschnitte, um die es geht, als Abschrift, da es von handwerklichem Interesse ist. Es geht um zwei Fragen:

1. Können Print-Reportagen von filmischer Dramaturgie (Dokumentarfilm und Spielfilm) profitieren?

„(…) Ich springe jetzt zu dem Filmischen: Was ich als filmische Schnitte bezeichne, oder Dramaturgien, das mischt sich alles, ist ja klar. Hier sind jetzt natürlich auch chronologische Elemente, das mischt sich immer alles, aber nur um es theoretisch auseinanderzuhalten.

Roland Schulz ist jemand, den ich Ihnen sehr empfehle, der ein großer Monteur ist, ein Cutter. Wir wissen ja alle, dass die Cutter beim Film heutzutage fast genauso wichtig sind, wie Regisseure. Wie die die Szenenwechsel setzen und so weiter, da kommt der Rhythmus raus und auch die Stimmung von dem Film. Und da würde ich der Stelle wieder eine andere Irrlehre unterbringen.

Der Redakteur sagt: „An dem Übergang stimmt etwas nicht. Macht da mal irgendwie eine Überleitung“

Das ist in der Regel Unsinn würde ich sagen, weil es nicht darum geht, dass ein Text wie so eine Wurst immer weiter geht. Sondern entscheidend ist die richtige Reihenfolge der Absätze. Was dazwischen steht ist eigentlich völlig wurscht. Wenn Sie an Filme denken, was Sie da mitmachen, oder Videos. Sagen wir mal Mission Impossible 5. Sie sind bereit von Wien nach Amerika zu springen, das ist überhaupt kein Problem. Die sind irgendwo. Schnitt. Dann sind sie halt woanders.

Das geht in Texten auch. Da kommt dann nicht der Redakteur und sagt „Also da muss doch irgendwie ein Übergang“. Ne, da muss kein Übergang hin. Das machen wir alles spielend mit, wenn es in der richtigen Reihenfolge steht.

Und nur so können sie ja aufwendige Sachen machen und können mehrere Orte miteinander verbinden. Das geht nur mit Filmschnitt und Cutterei. Und vom Film kann man überhaupt glaube ich, auch fürs Schreiben sehr viel lernen. Weil man dort sieht, wie man Szenen herumwürfelt, nach Belieben fast assoziativ verbindet. Das macht der Schulz so gut wie fast keiner. Weil er ja wirklich eigentlich assoziativ schreibt. Und man hat das Gefühl er zieht immer an der richtigen Stelle einen Strich, einen kleinen und geht woanders hin. Und wenn die Aufmerksamkeit ein bisschen absinkt, dann macht er etwas Neues. Das ist sehr, sehr gut. Empfehle ich Ihnen zu lesen.

Der Filmschnitt ist auch sehr geeignet dafür, wenn es um dokumentarische Sachen geht, oder sehr, sehr faktenreich Dinge. Das ist ein Beispiel aus GEO, das ich sehr gelungen fand. Das ist auch noch eine Irrlehre von denen ich Ihnen hiermit abrate, das habe ich oft gehört: Man muss die Leser vor Fakten beschützen. Und wenn es gar nicht anders geht,dann muss man sie gut verpacken, oder sie verstecken. Das ist auch völliger Unsinn, glaube ich.

Dieses Beispiel aus GEO ist ein sehr schönes dafür. Die machen genau das Gegenteil. Die sagen: Ich erzähle dir hier jetzt alles über Schnee und Lawinen. Und du wirst staunen, was das ist. Super. Das ist wieder diese Vertrauensbildung mit dem Leser. Wenn einem das gelingt,kann man alles machen. Dann kann man ihnen erklären,wie ein CDO in der Finanzwelt funktioniert.

Macht der Leser mit, wenn man ihm vorher gesagt hat, bleib dran, ich werde dir das wirklich so gut wie es geht irgendwie erklären. Aber ich werde nicht falsche Bilder und Metaphern [verwenden]. Auch bei Finanzdingen ist es sehr schön: Die Schrottpapiere. Was sind denn die Schrottpapiere, die da irgendwo in Banken rumliegen. Wie sehen die aus? Was ist denn da drin? Das weiß kein Mensch. Das ist eine falsche Metapher. Die Welt die tut so, als würde sie etwas erklären und erklärt nichts. Das merken aber Leser, weil sie immer noch nicht verstanden haben, dass die Schrottpapiere ein Problem sind.

Man muss nicht weg von den Fakten, oder außen rum, oder was drüber legen, sondern man muss mitten in sie rein und muss sie natürlich erst mal selber verstehen und danngucken. Wenn einem Bilder einfallen, schön. Aber es sollten bessere sein als Schrottpapiere.

Und [in diesem Beispiel], das ist wirklich ein dickes Brett, das ist alles über Schnee und Lawinen, verschnitten mit einer Reportage über ein Unglück. Und es ist gut gemacht. Die bohren im Brett und zerhacken es gleichzeitig. Man hat irgendwie etwas davon und liest es gern. (…)“

2. Dürfen 2,3,4 Personen in einer Person zusammengefasst werden?

„Häufig sehe ich in Texten die Sache mit der Doppelung, oder dass mehrere Figuren eingeführt sind, manchmal auch Szenen, die dasselbe erzählen, überhaupt nicht. Das ist schade oft, ist ja klar, man macht Recherche, redet mit vielen Leuten und dann ist das ja irgendwie auf ein Thema zugeschnitten, das heißt die Leute sagen auch ähnliche Sachen.

Nur, das Problem ist halt wir wollen es nicht doppelt und dreifach hören, sondern nur einmal. Das reicht völlig. Ich behelfe mir dann so, dass ich halt inhaltliche Sachen dann zusammenziehe und dann auf eine Figur oder so, wenn sich so etwas anbietet.

Aber nur weil man es eben recherchiert hat, weil man die Leute getroffen hat und es ist einem jetzt peinlich, dass man sie nicht in den Text reinschreibt, das sollte man sich alles abschminken. Das geht nicht.“

Diese Äußerung will Fichtner so verstanden wissen:

„Ziel meiner Veranstaltungen war es immer, junge Kolleginnen und Kollegen zu sensibilisieren für die vielen Entscheidungen, die man als Journalist beim Schreiben eines Texts zu treffen hat. Im vorliegenden Fall ging es mir darum, den jungen Reportern Mut zu machen, großzügig wegzulassen, Figuren nicht zu erwähnen, Begegnungen zu opfern für eine bessere Lesbarkeit. Der Vortrag war entlang von Folien frei gehalten, es war viel improvisiert und so sagte ich also: „Ich behelfe mir dann so, dass ich inhaltliche Sachen dann zusammenziehe auf eine Figur oder so, wenn sich so etwas anbietet...“.

In der Post-Relotius-Zeit wird daraus die gefährliche Frage: Hat der Fichtner gesagt, man soll einer Figur die Zitate von anderen unterschieben?

Um meinen Punkt klar zu machen, habe ich soeben recht wahllos in einen Text von mir vom vergangenen Jahr hineingeblättert, und bin gleich auf einen Absatz gestoßen, der vorführt, was es heißt, bzw. was ich meinte mit: „inhaltliche Sachen auf eine Figur“ zusammenzuziehen. Der Abschnitt stammt aus dem Text „Kleiner Brauner“, in dem ich über die neuen politischen und gesellschaftlichen Verhältnisse in Österreich geschrieben habe. Das Stück basiert auf vielen Begegnungen, Gesprächen, Büchern, und dann steht da zum Beispiel:

„...Nach Wien, ins Café Engländer, Postgasse, rote Bänke, schwarze Stühle, wo Robert Misik gern zu Mittag isst. Er bestellt, ohne Blick ins Menü, stets »Essen I« mit Dessert, er ist in Eile, weil er sich zum Besuch bei seiner Mutter angesagt hat. Misik ist die Wiener Ausgabe eines engagierten Intellektuellen, ein Linker, aber lässig dabei, er trägt Lederjacke und Stirnglatze, und er hat Humor, das macht vieles leichter. »Essen I« sind am Tag des Treffens hauchdünne Rindsschnitzel, paniert, ausgebacken, wienerisch.

Misik hat viele Bücher, aber auch politische Aufrufe ge- und unterschrieben, er ist immer dabei, wenn Demonstrationen gegen rechts zu organisieren sind, er zeigt Gesicht, auch im Internet, er arbeitet viel. Videokolumnen, Gastbeiträge, Radiogespräche füllen seine Tage, eben ist ein neues Buch erschienen, eine geistreiche Sammlung kleiner Essays unter dem Titel »Liebe in Zeiten des Kapitalismus«.

Die neue Regierung von Kurz und Co. steht für Misik »am Ende eines 30-jährigen Prozesses der graduellen Abstumpfung«. In den Achtzigerjahren habe das begonnen, sagt er, mit den Häutungen der FPÖ und ihrem Aufstieg unter Jörg Haider. Dieser Weg führte im Jahr 2000 in die erste Koalition der ÖVP mit der FPÖ. Der Kanzler hieß damals Wolfgang Schüssel, ein Mann, der statt Krawatte Fliege trug und der praktisch im Alleingang den letzten Rest der Glaubwürdigkeit von Politik im Land ruinierte.

Die Europäische Union verhängte damals Sanktionen gegen Österreich, sieben Monate lang, zum Zeichen, dass man vereint gegen Rechtsextremismus stehe, das wäre heute unvorstellbar. Es ist allerdings wahrscheinlich, dass die gut gemeinte Aktion die extremen und europafeindlichen Tendenzen in Österreich eher gestärkt hat. Immerhin bilden sich viele Österreicher etwas ein auf ihre Sturheit. Von jeher sind sie mit Jetzt-erst-recht-Parolen zu erreichen, wie sie die FPÖ meisterhaft für alle Politikfelder zu modulieren versteht. Dass sie damit nun wieder in eine Regierung gelangen konnte, ist für ihre Gegner deshalb kein Schock mehr. »Wir sind«, sagt Robert Misik, »vom Undenkbaren zum Unsagbaren zum Unerträglichen vorangekommen.« Das ist, auch wenn man es zweimal lesen muss, schön gesagt.“

Hier sehen Sie meine Methode, „inhaltliche Sachen auf eine Figur“ zusammenzuziehen. Vor allem der letzte Absatz („Die Europäische Union...“) versammelt Informationen aus mehreren Quellen und Gesprächen, die auf dem Weg der Recherche lagen. Die Einschätzung etwa, dass die EU-Sanktionen gegen Österreich eher kontraproduktiv gewesen sein könnten, ist an dieser Stelle weder von Robert Misik, noch aus meinen Rippen geschnitten, sondern gewissermaßen eine Zusammenfassung von Eindrücken, die ich im Austausch mit anderen Österreichern oder bei der Lektüre von Büchern gewonnen hatte. Der Gedanke, dass Österreicher stolz sind auf ihre Sturheit, fiel früher oder später in fast jedem Gespräch, und drei, vier meiner Gesprächspartner sagten, es sei nun für sie kein Schock mehr, dass die FPÖ regiere. Nichts davon, wohlgemerkt, wird Robert Misik untergejubelt. Aber ich mische als Autor, wenn Sie so wollen, in die Begegnung mit Misik Erkenntnisse aus anderen Begegnungen hinein, was natürlich kein Hexenwerk, sondern einfach nur journalistisches Handwerk ist.“

Sicher interessantes Diskussions-Material für das

Reporter-Forum am 12./13. April.

Wir stellen das Programm Montag online, ab 12:00 Uhr können sich Teilnehmer HIER anmelden.

Auf unserer Lernplattform „Reporterfabrik“ werden wir den Fichtner-Workshop demnächst in voller Länge als Audiodatei online stellen. Er ist dann zugänglich für alle eingeschriebenen Nutzer der Lernplattform.



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Das Reporter-Forum ist eine Bürgerinitiative für guten Journalismus.

Es wird unterstützt vom Augustinum und der Robert Bosch Stiftung.

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Termine 2019



2. Dezember

Verleihung des Deutschen Reporterpreises, Berlin





Erklärung der Jury



Wie kann es sein, dass Claas Relotius im Dezember zum vierten Mal mit dem Deutschen Reporterpreis ausgezeichnet wurde? Hat die Jury einen "Fehler" gemacht? Was wäre dieser Fehler? Dem "Spiegel" vertraut zu haben, wahre Texte zu produzieren? War es ein "Fehlurteil"? Warum hat die Jury so lange geschwiegen? Was sind die Konsequenzen für die Jury, den Reporterpreis, das Beurteilen von Reportagen? 

Hier eine ausführliche Begründung der Jury, von Çiğdem Akyol, Nikolaus Brender, Rainer Hank, Tina Hildebrandt, Friedrich Küppersbusch, Ines Pohl, Doreen Reinhard, Evelyn Roll, Regine Sylvester, Diana Zinkler und Moderator Ariel Hauptmeier, genauso vielstimmig, wie sie auch im Dezember argumentiert haben, als sie Claas Relotius die Auszeichnung für die "Beste Reportage" zuerkannten. 


Soviel vorab: "Wir sind erschüttert, wir sind enttäuscht, wir sind wütend und, ja, wir schämen uns, dass wir diesem Betrüger auf den Leim gegangen sind."

 

 


 

Kontakt: Reporter Forum e.V. | Sierichstr. 171 | 22299 Hamburg